Völkermord mit Strategie

28. Juli 2004, 21:08
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Das Sterben und die Vertreibungen schwarz­afrikanischer Sudanesen gehen weiter - Langsam erkennen UNO, USA und EU den Ernst der Lage

"Sie können dem Kind beim Sterben zusehen. In drei bis vier Stunden ist es tot", sagte der Schwarzafrikaner, "wir begraben jetzt viele Kinder". Sabine Wartha packt heute noch das Entsetzen, wenn die Caritas-Mitarbeiterin an diese Episode denkt, die sich zu Sommeranfang in der Stadt Nyala in der südwestsudanesischen Darfour-Region zutrug: "Ich konnte nicht hinsehen."

Die Österreicherin organisierte Notprogramme für die schwarzafrikanischen Flüchtlinge, die vor den Angriffen arabischstämmiger "Janjaweed"-Milizen ("Die Berittenen") in der Umgebung der Stadt Nyala Schutz suchten.

Seuchen

"Die Menschen hatten keine Unterkunft, erste Seuchen wie die Cholera grassierten", erzählt Wartha. Planen gegen den Regen habe man für die unterstandslosen Flüchtlinge kaufen müssen, Wasser und Lebensmittel. Familien seien auf der Flucht getrennt worden, Eltern suchten verzweifelt ihre Kinder, viele wurden nicht mehr gefunden, sagt die Caritas-Mitarbeiterin und erinnert daran, dass die ersten Angriffe der Milizen auf die Schwarzafrikaner in der Darfour-Region bereits Anfang 2003 stattfanden. Damals bildeten sich zwei Rebellengruppen in Darfour, die Sudanesische Befreiungsarmee und die Bewegung für Gleichheit und Gerechtigkeit, die sich den arabisch-muslimischen Eliten in Khartoum widersetzen und mehr Rechte forderten.

Mittlerweile hat der US-Kongress die Ereignisse als Völkermord eingestuft, Papst Johannes Paul II. drängt auf ein rasches Eingreifen, eine UN-Resolution ist in Vorbereitung, die dem sudanesischen Regime ultimativ Sanktionen androht, falls es die "Janjaweed"-Milizen nicht sofort an die Leine nimmt und sogar die Europäische Union erwägt mutig die Verhängung von Sanktionen gegen Khartoum. Doch geschehen ist nichts.

Nach letzten Zahlen der UNO sind rund 1,2 Millionen Menschen auf der Flucht, die Zahl der Todesopfer variiert nach Angaben von Hilfsorganisationen zwischen 50.000 und 100.000. Die sudanesische Regierung betont zwar seit neuestem ihren Willen zur Zusammenarbeit und will die humanitäre Katastrophe durch "konstruktiven Dialog" bekämpfen. Konkrete Taten gibt es jedoch keine zu vermelden. Zuvor hatte das islamistische Regime stets gewettert, dass der Westen in Wirklichkeit nur den Islam attackieren wolle und im Falle eines Eingreifens mit "irakischen Zuständen" gedroht.

Strategie

Das sudanesische Regime geht in Darfour nach erprobter Strategie vor: Das Militär unterstützt Milizen, die Regionen ethnisch säubern, in denen Bodenschätze liegen oder vermutet werden. Diese Milizen, die aus Vieh züchtenden Nomadenstämmen rekrutiert werden, lassen sich willig instrumentalisieren, da sie ohnehin mit der schwarzafrikanischen Bevölkerung, meist sesshafte Ackerbauern, um Wasser und Land streiten.

Die Vertreibungen finden dann in jenen Regionen statt, in denen internationale Konzerne nach Erdöl bohren. "Das Erdöl ist dabei, den Krieg zu verschlimmern. Wir sind Zeugen der Vertreibung der Menschen aus ihrem angestammten Land durch Militärhubschrauber, Antonow-Bomber und Milizen, damit die Ölfirmen in relativer Sicherheit arbeiten können", schrieben der einseitigen Propaganda unverdächtige Bischöfe des Sudan an ihre Mitbrüder anderer Bischofskonferenzen: "Im Sudan profitieren die Unternehmen von der systematischen Verletzung der Menschenrechte."

Da sich etliche westliche Ölfirmen wie die österreichische OMV aus dem Sudan zurückzogen, gehören die Förderkonzessionen nun hauptsächlich asiatischen Firmen wie der "China National Petroleum Corporation", dem größten Investor im Sudan, obwohl auch Exxon und TotalFinaElf noch vor Ort arbeiten.

Vor allem für indische und malaysische Ölkonzerne stellt der Sudan eine Alternative zu Ölproduzenten im arabischen Raum dar. Und das, weil im Norden der Darfour-Region, die so groß wie Deutschland ist, noch Milliarden Barrel Öl vermutet werden. Dort hat die Erdölexploration noch nicht einmal begonnen. (DER STANDARD, Printausgabe, 27.7.2004)

Von Gerhard Plott

Infografik

Öl- und Erdgasvorkommen im Sudan

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Ein Flüchtlingskind an der Grenze zum Tschad.

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