Pressestimmen zu Schlingensiefs "Parsifal"-Inszenierung

18. Juli 2005, 13:19
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Bilderflut zwingt zur Kapitulation - Süddeutsche: "Wer verstehen will, hat schnell verloren" - Welt: "Käseglocke eines fast ungebrochen affirmativen Inszenierungsstils" wurde gelüftet

Süddeutsche Zeitung: "Erlösung suchen wir doch alle"

"Was kaum ins Gewicht fällt, weil mit einer vor Details nur so überquellenden Bilderflut gearbeitet wird, die beim einmaligen Sehen nicht einmal andeutungsweise erschlossen werden kann und den Zuschauer, nicht zuletzt wegen des andauernden Halbdunkels, zur Kapitulation zwingt. Die Bilderflut aber ist nur möglich, weil – ein Novum für Bayreuth – eine Drehbühne installiert wurde und immerzu benutzt wird. Hier findet sich so ziemlich alles, was in einem Theaterfundus und auf den Sperrmüllsammelstellen der Welt zu haben ist." [...]

"Unüberseh- und –hörbar ist, dass Regisseur und Dirigent nicht zusammengearbeitet haben, sondern zwei sich ausschließende Konzepte konsequent realisieren. [...] Boulez musikalisiert den Orchestersatz bis zum Äußersten, er dirigiert, als gäbe es daneben weder Theater noch Sänger." [...]

"Wer verstehen will, hat schnell verloren. Wie Richard Wagner zimmert sich auch Christoph Schlingensief eine Privatreligion zusammen, die nicht durch logisch diskursive Ableitung aus Bestehendem, sondern durch frei schweifende Assoziation entsteht. So aber kommt es in Bayreuth nicht zu einer Auseinandersetzung mit dem "Parsifal", sondern zu einer Fortschreibung – was derzeit eine der spannendsten Formen ist, sich solch einem Stück jenseits der historischen Rekonstruktion auf der Bühne zu nähern.

Frankfurter Allgemeine Zeitung: "Vom Gral zum Kral in hundertzwanzig Umdrehungen"

"Ja, streckenweise war es so verwirrend finster, daß nichts darüber geben konnte, ob da nun Müll oder Mensch auf der Bühne zugange war, [...]"

"Dies ist der erste "Parsifal" in Bayreuth, der völlig frei ist von szenischer Redundanz und das Nickerchen zwischendurch unmöglich macht. Teile des Premierenpublikums schienen dankbar und erhoben sich am Ende zu stehenden Ovationen, die gezielt Schlingensief galten." [...]

"Schlingensief selbst hat zwar an einigen Stellen seiner Inszenierung die oft formulierte und sattsam dokumentierte Distanz zur Bayreuther Wagnerei angedeutet und versucht, den eignen "Senf" dazuzutun. Seine Schlingensiefianer - der Dicke, der Dünne, die mongoloiden Kinder - laufen diesmal freilich neben einem großmächtigen Opernkarren her und verkümmern zum Ornament. Daß aber das Festspielhaus selbst eine ideenvernichtende Gralsburg sein kann, die selbst einen Schlingensief und seine Ideenspringflut absorbiert, mag man ablesen daran, daß sich der Säulenschmuck des Zuschauerraums im ersten und letzten Aufzug in die irreale Architektur des Bühnenbildes verlängert."

Frankfurter Rundschau: "Schlingboulez im Labyrinth der Bilder "

"Schlingensiefs Arbeit manifestierte sich jedoch sicher und geradezu perfektionistisch, wenn auch im Ergebnis schwer durchschaubar und labyrinthisch. Fast nichts offenbarte sie von aufklärerisch-entmythologisierendem Impetus. Absichtsvoll haftete und driftete sie im Diffusen, Strudelhaften, Beschwipsten von Halb-, Kunst- und Alternativ-Religiosität und bildete damit einen extremen Gegenpol etwa zu Ruth Berghaus' hell ausgeleuchteter, streng rationalistischer Parsifal-Sicht."

Neue Zürcher: "Des Hasen Ende und die Wiedergeburt"

"Denn je mehr der Abend voranschritt - und er schreitet ja lange voran -, desto mehr konnte auch die Einsicht wachsen, dass hinter dem unglaublichen Wust an Bildern, mit denen der Operndebütant Schlingensief seine Zuschauer überfällt, vielleicht doch einige bedenkenswerte Mitteilungen stecken."

Die Welt: "Es darf wieder gedacht werden"

"Schlingensief hat als Theaterkünstler von der konzentrierten, ehrlichen Auseinandersetzung mit Richard Wagner profitiert und Bayreuth von Schlingensief. Denn die dortige Käseglocke eines fast ungebrochen affirmativen Inszenierungsstils ist deutlich gelüftet worden." [...]

"Wie bei einem Dampfkochtopf scheint im Kampf zwischen dem nicht unbedingt reinen Regie-Toren und dem alten Hügelmann durch einen heilsamen Sprung im Deckel ordentlich Druck entwichen. Das Experiment ist also geglückt. Jetzt wird sich der Werkstattgedanke vor Ort hoffentlich der in vielen Stellen noch pointierter vorstellbaren Inszenierung bemächtigen. Und Boulez muss unbedingt bleiben. Man fährt jedenfalls wieder nach Bayreuth, um nachzudenken. Das hat man dort in den letzten Jahren viel zu selten getan."

Die Presse: "Voodoo in der Rumpelkammer"

"Vielleicht ist aber dieses "Parsifal"-Intermezzo auf dem grünen Hügel eine Chance. Mit der zwielichtig beleuchteten Rumpelkammer, die Schlingensiefs Ausstatter auf die Bühne geräumt haben ist der gesamte Regie-Müll des deutschen Regietheaters der vergangenen Jahrzehnte sozusagen symbolisch abgeladen. Da erwachen die Gralsritter im Slum und die Stimmen der Blumenmädchen durchdringen übrigens im Gegensatz zum Ritterchor gar nicht harmonisch das Dickicht eines afrikanischen Kraals." [...]

"Und wenn die Aufführungsserie dieser sogenannten Inszenierung zu Ende sein wird, dann könnte man sie als Schlusspunkt betrachten, dem dann diensthabenden Hasen freien Auslauf in den fränkischen Wäldern gewähren und den ganzen Regiemüll endgültig entsorgen."

taz: "Freaktheater im Oberfränkischen"

"Was Schlingensief letztlich aus dem "Parsifal" macht, ist nicht minder schwere Kost. Nur anders. Er wird seinem Ruf als Trash-Künstler, als unerschrockener Konfrontierer und Tabuverächter gerecht." [...]

"Prinzip ist die fortwährende Bewegung, die Überschwemmung mit Zeichen und Botschaften. Schlingensief ist nicht umsonst jahrelang Ministrant gewesen. Er baut die Prozessionen links und rechts herum, die Baldachine, das langsame Umarmen, die christliche Ikonographie: Parsifal erscheint von Anfang an als Erlöser in spe, ein 19.-Jahrhundert-Jesus mit Locken und langem weißen Gewand, auf dem später das durchstoßene Herz zu sehen ist."

Tagesspiegel (Berlin): "Erlösung für niemand"

"Dieser Bayreuther „Parsifal“ ist alles andere als ein Skandal. Und man wird den Verdacht nicht los, dass ausgerechnet die versammelten Erz-Wagnerianer darüber ziemlich enttäuscht sind." [...]

"Dieser „Parsifal“ ist einerseits so unerhört weit weg und andererseits in seiner Multi-Kulti-Banalität so dreist, dass man sich fast schon wieder nach dem Stück zu sehnen beginnt. In seiner eigentümlichen Mischung aus Scharlatanerie, handwerklichem Dilettantismus, heiligem Ernst und tiefzarter Weltschmerzgebärde beschwört die Inszenierung ein Vakuum, das sich (vorerst) niemand zu füllen getraut."

Berliner Zeitung: "Erlösung, wo die Kraft zum Aufschwung fehlt"

"In Bayreuth dagegen bestätigt er (Anm.: Schlingensief) die symbolische Ordnung des Theaters, die Aufteilung in Zuschauerraum, Orchestergraben, Bühne, und wie in Übererfüllung dieser Auflage hat er seine Darsteller sogar zurückgedrängt, eingezwängt auf den Kreis der Drehbühne. Die Demarkationslinie zwischen "Kunst" und "Leben" überschreitet Schlingensief für sein Debüt als Opernregisseur in Bayreuth nicht. Alles bleibt auf seinem Platz. Dem Publikum bleiben seine traditionellen Aufgaben erhalten: hören und sehen."

(red)

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