Autopsie am lebendigen Leib

28. Juli 2004, 07:08
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Die USA haben als einziges Industrieland mehr als 40 Millionen nicht Versicherte - Nun soll nachgebessert werden

Egal, was österreichische Gesundheitsreformer nun aushandeln: Es wird gespart werden müssen. In den USA geht die Debatte in die entgegengesetzte Richtung: Die US-Präsidentschaftskandidaten müssen nachbessern.

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Gleich am ersten Praktikumstag eine Autopsie. Krasser hätte es für Maggie Yang nicht kommen können. Die angehende Ärztin zupft noch einmal die sterilisierten Plastikhandschuhe zurecht und begibt sich mit ernster Miene in die Leichenhalle. Die Schwingtüre ist noch nicht zugefallen, als Chefkardiologe Kellerman bereits die ersten Anweisungen rausballert. Maggie soll den Elektrokardiografen im Auge behalten.

Der Herzschlag ist normal, der Tumor leicht zu entfernen, die Patientin wird längst wieder aus der Narkose erwacht sein, wenn die Klinikverwaltung von der geheimen Operation erfährt. Vorgetäuschte Obduktionen sind nur ein Trick von vielen, die das konspirative Ärzteteam aus der TV-Serie "MD's" auf Lager hat, wenn es Menschen zu retten gilt, denen eine normale Behandlung mangels Krankenversicherung verweigert wurde.

Fiktionalisierte Realität: Die USA haben als einziges Industrieland nach wie vor mehr als 40 Millionen nicht Versicherte. Hinzu kommen noch einmal 38 Millionen US-Bürger, meist Selbstständige oder Angestellte sehr kleiner Firmen, die nicht ausreichend versichert sind.

Zu arm, um eine private Krankenversicherung zu bezahlen (die ihnen ihr Arbeitgeber nicht bietet) und zu reich für "Medicaid" (die gesetzliche Gesundheitshilfe für die Ärmsten), haben sie nur das ungeschriebene Recht, bei der nächsten Notaufnahme anzuklopfen, wenn ihr Zustand schon kritisch ist, und sie dem Tod oft näher sind als dem Leben.

"Krankenversicherung für alle" - dieses Thema war seit Scheitern der Reformpläne Bill Clintons tabu. Derzeit wird der Slogan jedoch reanimiert: Schließlich verbirgt sich hinter der alternden Babyboomer-Gesellschaft ein enormes Wählerpotenzial. Der demokratische Präsidentschaftskandidat John Kerry will die öffentliche Unterstützung ausbauen und - ähnlich wie seinerzeit Clinton - alle Arbeitgeber verpflichten, ihren Mitarbeitern eine Krankenversicherung anzubieten. Im Gegenzug dafür gibt's Steuererleichterungen.

Reformvisionen

Die Reformvision des amtierenden Präsidenten setzt auf mehr Eigenverantwortung. George W. Bush hat bereits ein Gesetz unterzeichnet, das die Medikamente für Senioren in den nächsten zehn Jahren mit 400 Milliarden bezuschusst. Damit auch die eigene Kasse entlastet wird, fordert er diejenigen, die mit der öffentlichen Unterstützung nicht zufrieden sind, auf, zu einem Privatversicherer zu wechseln, da dieser oft günstigere Honorare mit den Ärzten und Kliniken aushandeln kann als der Staat.

Ob die Rechnung, weg von einem nationalen und hin zu einem mehr selbstbestimmenden Vorsorgesystem, aufgeht, ist jedoch fraglich. Seit 1995 konkurrieren die amerikanischen Krankenkassen nämlich nahezu ohne Einschränkung miteinander, und die Gesundheit ist dadurch teurer geworden. 2001 sind die Ausgaben um 8,7 Prozent auf 1,4 Billionen Dollar gestiegen, so stark wie seit zehn Jahren nicht mehr. Bis 2011 sollen sie sich weiter verdoppeln: Jeder US-Bürger wird dann voraussichtlich 9216 Dollar pro Jahr für seine Gesundheit ausgeben.

Selbst den Unternehmen droht die Kostenfalle: Bei vielen gehören die Pflegeleistungen inzwischen zu den am schnellsten wachsenden Ausgabenblöcken. Einige Arbeitgeber wälzen die Kosten auf ihre Mitarbeiter ab. Die 145.000 Beschäftigten des Mischkonzerns General Electric etwa müssen jetzt bis zu 400 Dollar mehr aus der eigenen Tasche beischießen, um anständig versichert zu bleiben. Andere Firmen versuchen das Problem zu lösen, indem sie - ähnlich wie die Bush-Regierung bei den Senioren - ihr Personal zu Schnäppchenjägern erzieht: Wer eine höhere Selbstbeteiligung ablehnt, kann auf billigere Versicherungspläne umsatteln, die begrenztere Leistungsansprüche beinhalten und nur günstigere Generika rückerstatten. Eine Folge, die jetzt schon zutage tritt: Amerikanische Ärzte und Kliniken müssen die Kosten drücken.

Es ist Nacht bei "MD's", in den Büros der Klinikverwaltung brennt noch Licht. Praktikantin Yang versucht, die jüngste Sparerfindung ihres systemgetreuen Vorgesetzten zu sabotieren: Ein voll automatisiertes Computerprogramm, das Medikamente verschreibt und ärztliche Befunde vermailt.

Eine vielleicht nicht ganz so fiktive Zukunftsvision für das US-Gesundheitswesen, die aber offenbar nicht nach dem Geschmack der Zuschauer war. Der Nationalsender ABC jedenfalls setzte die Serie nach nur einer Saison ab. (DER STANDARD, Printausgabe, 27.7.2004)

Von Beatrice Uerlings aus New York
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