Programm mit Kuckuckseiern

30. Juli 2004, 11:22
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Die Nickelsdorfer "Konfrontationen" erlebten ihre 25. Auflage

Nickelsdorf - "Konfrontationen", die 25. also. Eher nebenbei wurde im Jubiläumsjahr eines der bedeutendsten mitteleuropäischen Festivals für avancierte Improvisationsmusik - das sollte man einmal festhalten - jene Zahl fallen gelassen, die anderen Veranstaltern als medialer Aufhänger dient. Hier bleibt immer noch die Musik selbst das Statement.

Waren dort, in Hans Falbs Jazzgalerie und der Dependance am Kleylehof, nach dem Einbruch der Elektronik in den 90ern Rückzugstendenzen in Richtung Altavantgarde auszumachen, so wusste man derlei konservativen Anwandlungen anno 2004 mit provokanten Programmwiderhaken zu begegnen.

Die Musik des Berliner Ambientpioniers Hans-Joachim Roedelius etwa machte dem konfrontativen Festivalurgedanken alle Ehre: Die kammermusikalischen Konsonanzmantras seines aktuellen Lunz-Zyklus, am Piano gemeinsam mit Tim Story (Keyboards) und Stefan Steiner (Violine, Drehleier) stoisch zelebriert, wechselten zwischen hypnotisierender Sogwirkung und fahrstuhlmusikverdächtiger Banalität. Der Wiener Cellist Arnold Haberl hingegen zwirbelte ein "Hummelflug"-nahes Initialmotiv eine Viertelstunde lang in den Raum - ohne jede Entwicklung, allein jene Veränderungen in Rhythmik und Obertonspektrum zulassend, die die Imperfektion der menschlichen Physis - etwa in der krampfenden Hand - erzwang: eine faszinierende Reise in den Mikrokosmos unter der Oberfläche des scheinbar Immergleichen.

Vibrierende Struktur

Duopartner Manfred Hofer zeigte im Soloset in den vibrierenden Drone-Strukturen und klugen Klangfarbenspielen auf Saiten und Corpus seines Kontrabasses ebenfalls viel versprechende Ansätze, in der Rückübertragung elektronischer Techniken auf akustisches Instrumentarium eigene Wege gehen zu wollen.

Neben diesen und anderen, vom Geräusch-gewohnten Publikum mitunter durch akuten Schwund, jedoch ohne lautstarken Protest quittierten Kuckuckseiern im Programm (auch die wortwitzigen, musikalisch freilich halblustigen Wienerliederneuerer des Kollegium Kalksburg sind zu erwähnen) war naturgemäß auch Traditionspflege angesagt - Schlagzeuger Paul Lovens absolvierte gleich drei Arbeitsschichten:

Die spektakulärste war wohl jene mit Kollege Tony Buck, mit dem er die Ex-"The Ex"-Gitarristen Luc und Andy dazu anstachelte, aus energiereichen Klangfunken wiederholt orgiastische Flächenbrände zwischen Punk und Noise zu entfachen. Phil Minton und die "Teufelinnen" Irene Schweizer/Maggie Nichols/Joëlle Leandre hat man in Nickelsdorf schon häufig - und inspirierter - vernommen.

Butch Morris' mit Spannung erwartete Conduction #140 litt wohl unter mangelnder Vorbereitungszeit. Nach nur zwei Probenschichten wirkten die 13 MusikerInnen alles andere als firm in ihren Kenntnissen des elaborierten Gestenvokabulars. Dennoch ließen sich ansatzweise spannende Klangbilder erlauschen, gleich einem vielarmigen Klangorganismus, dessen Tentakel plötzliche Richtungswechsel vollführten:

Man ahnte, wie grandios die Wirkung sein würde, könnte Morris seine visionäre Praxis über längere Zeit an einem "stehenden" Ensemble erproben. Das dann hoffentlich wieder in Nickelsdorf zu hören sein wird. (DER STANDARD, Printausgabe, 27.7.2004)

Von
Andreas Felber
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