Die Rüpel aus der Zone

30. Juli 2004, 11:33
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Deutsches "Regie-Theater" beim diesjährigen Festival von Avignon

Avignon - Das diesjährige Theaterfestival von Avignon wählte als grafisches Erkennungszeichen den Blockbuchstaben "A" auf weißem Grund. "A" wie Avignon könnte auch "A" wie "allemand" heißen - und die Präsenz deutscher Theatergruppen beim 58. Avignon-Festival anzeigen.

Als Zeichen eines Neuanfangs, das die beiden neuen Festivaldirektoren, Hortense Archambault (34) und Vincent Baudriller (36) setzten: Sie luden den Direktor der Berliner Schaubühne, Thomas Ostermeier, als "Gastkünstler" ein, um das Programm schwerpunktmäßig mitzugestalten. Mit der Begründung, deutsches Theater sei im Moment das zeitgeistigste und erfinderischste.

Bis dato war es undenkbar, dass das Avignon-Festival im Hof des Papstpalastes mit dem Stück eines deutschen Autors, nämlich Büchners Woyzeck, von deutschen Schauspielern und natürlich auf Deutsch (mit Untertiteln) gespielt, eröffnet würde. Denn noch Anfang der 90er-Jahre antwortete der damalige Avignon-Festivaldirektor Alain Crombecque auf den Vorwurf, sein Festival sei nicht international genug: "Das Festival von Avignon ist in erster Linie ein franko-französisches Festival!"

Mit der neuen Direktion hat sich das Blatt gewendet. Ostermeier zeigte - nach Woyzeck - seine Neuinterpretation von Ibsens Nora, Kroetz' Wunschkonzert und Enda Walshs Disco Pigs. Auf seine Anregung kamen Sasha Walz, Kodirektorin an der Schaubühne, mit Impromptus, René Pollesch mit Pablo in der Plusfiliale, Frank Castorf mit Kokain, Christoph Marthaler mit Groundings und Constanza Macras mit Back to the Present.

Sorge um Auslastung

Die Sorge um Auslastungszahlen für deutsche Gastspielproduktionen wurde im Juni sogar vom neuen Kulturminister Renaud Donnedieu de Vabres ausgesprochen. Nach der vorjährigen Absage des Festivals wegen Streiks der teilzeitangestellten Bühnenarbeiter und Schauspieler schien es umso unsicherer, dass das Publikum so viele deutschsprachige Stücke sehen wollte. Die durchschnittliche Auslastungszahl von 90 Prozent für die deutschen Gastspiele liegt zwar unter der früher in Avignon üblichen von 100 Prozent, aber z. B. war Nora ausverkauft. Die Auslastung für Sasha Walz' Impromptus lag bei 98 Prozent, Woyzeck bei 92 Prozent, Castorfs Kokain allerdings nur bei 80 Prozent.

Aus dem Umfeld der deutschen Kulturministerin Christina Weiss und des Ministerpräsidenten des Saarlandes, Peter Müller (Kulturbeauftragter für deutsch-französische Beziehungen), erfuhr man, dass eine komplexe Teilfinanzierung die breite deutsche Präsenz ermöglicht. Das Festival von Avignon funktioniert nämlich seit den 90er-Jahren nur noch über Koproduktionen, wobei der finanzielle Anteil von Avignon extrem gering ist. Dementsprechend sieht man praktisch alle Neuproduktionen des Festivals in der folgenden Saison in Paris und in der großen Provinz.

Geradezu erstaunlich die positive Aufnahme der deutschsprachigen Stücke bei der französischen Presse: Die Nora der Schaubühne wurde als die beste Produktion des heurigen Festivals bezeichnet, die anderen Stücke ausführlichst besprochen. Am schlechtesten schnitt Kokain von der Volksbühne ab. Da Castorfs Video-Wiederholungen alljährlich im Avantgardetheater MC 93 Bobigny gastieren, fehlt ihnen der Reiz des Neuen. (DER STANDARD, Printausgabe, 27.7.2004)

Von
Olga Grimm-Weissert
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