Multimediales Reich der Träume

26. Juli 2004, 18:43
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Mozarts "Entführung" bei den Festspielen: Bis auf ein kurzes Unmutswolkerl war heuer vor allem Sympathie für die Inszenierung zu bemerken

Salzburg - War's Programm oder nicht? - Regisseur Stefan Herheim im Vorjahr premierenmäßig die Eröffnung der Salzburger Festspiele zu überlassen, erwies sich als eher mutvoll. Der junge Norweger, eine Entdeckung von Intendant Peter Ruzicka bei der Münchner Biennale, ging ziemlich gründlich-respektlos an die Sache heran; seine Entführung aus dem Serail verräumte alles Orientalische und legte das Seelenleben von Pärchen frei, führte sie in jene Bereiche des Unbewussten, wo allerlei Sehnen und Fürchten regiert, das gemeinhin kaum an die Oberfläche des Beziehungsalltags gelangt.

Bewegte sich das Abkanzeln des Regisseurs bei der Premier noch im Rahmen des Üblichen, kam es bei Folgevorstellungen jedoch zu ungemütlichen Situationen, die ein Weitermachen unmöglich machten und die Sänger gar zwangen, sich ans Publikum zu wenden. Mit der Bitte um Ruhe, um doch endlich weiterspielen zu können.

War und ist solcher Publikumszorn zumeist ein Beleg dafür, dass jemand sympathischerweise einfach sehr subjektiv zulangt, war hier - abseits der konventionellen Sehnsüchte nach alten Bildern der Opernoberfläche - schon festzuhalten, dass Herheim etwas zu viel des Guten aufgeboten hatte. Das Stück zerbrach unter der Last der Ideen, verfing sich in einzelne Textmonster und Gags.

Zu viel Gutes

Herheim, dem Produktiven, der - als ironische Zugabe - zum Verbeugen auch in orientalischen Gewand erschien, war einfach zu viel eingefallen. Die Einfälle hätten für fünf Opern gereicht. Ab in die Werkstatt Salzburg, hieß es dann, nachbessern. Und siehe da: Bis auf ein kurzes Unmutswolkerl war heuer vor allem Sympathie für den 34-Jährigen zu bemerken.

Doch zweifellos ist er nicht in die Knie gegangen, hat keinesfalls bis zur Harmlosigkeit geglättet: Nach wie vor ist Bassa nicht auf der Bühne zu sehen, er ist Teil der sichtbaren Figuren, die mitunter seine Sätze sprechen. Und nach wie vor sind wir in einem bürgerlichen Spukhaus, dem eine Hochzeit bevorsteht und in dem sich die Figuren vervielfachen und in dem sich Beziehungsträume und -alpträume materialisieren.

Vielseitige Figur

Allerdings hat das Ganze nach Entrümpelung und Textüberarbeitung an Kontur gewonnen, ist bissig geblieben und hat doch eine Linie gefunden, die die videomäßig unterstützten Bilder noch eindringlicher werden lässt. Die vielseitigste Figur ist Osmin (von großer Präsenz, aber im Parlando mitunter etwas undeutlich Peter Rose): einmal Geistlicher, dann wieder Machtmensch und dann aus der Unterwelt kommender Teufel, ist er gleichsam das verführende und führende, provokante Leitmotiv der Inszenierung.

Auch die Pärchen haben durch Herheim seelische Facetten eingepflanzt bekommen, die zu szenisch plausibel ausgelebten Konflikten führen. Dietmar Kerschbaum (als Pedrillo) lebt sie in jeder Hinsicht intensiv aus. Christoph Strehl (als Belmonte) ein bisschen weniger; zudem verfügt er zwar über eine angenehm timbrierte Stimme, mitunter jedoch kämpfte er mit gewaltigen Intonationsproblemen.

Tadellos, nur mitunter Phrasen etwas metallisch färbend Laura Aikin (als Blonde); solide Diana Damrau (als Konstanze, statt Regina Schörg). Das Mozarteum Orchester unter Dirigentin Julia Jones geriet abseits der Extreme zur instrumentalen Energiequelle der Mozart-Produktion, nutzte die Ausdruckschancen - zwischen zart und herb -, ohne in die Klobigkeit des Vorjahres zu verfallen. (DER STANDARD, Printausgabe, 27.7.2004)

Von
Ljubisa Tosic
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