Parteitag im Bann der "Security"

27. Juli 2004, 19:35
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Parteitag offiziell eröffnet - Beim demokratischen Nominierungskonvent in Boston wird Sicherheit groß geschrieben

Der Parteitag der US-Demokraten ist Montagnachmittag in Boston vom Parteivorsitzenden Terry McAuliffe offiziell eröffnet worden. Der Auftakt des demokratischen Parteitages fand in energiegeladener und optimistischer Stimmung statt. Ein riesiges Aufgebot von Polizisten und Militär soll dafür sorgen, dass der Stadt Überraschungen durch Terroristen erspart bleiben.

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"Security is high", formuliert der Boston Globe lapidar auf seiner Titelseite, und er hat recht damit. Wer an spektakulären polizeilichen und militärischen Sicherheitsmaßnahmen interessiert ist, kommt beim Parteitag der Demokraten in Boston in dieser Woche voll auf seine Rechnung.

Die Gründe für den Aufwand, der in der ganzen Stadt getrieben wird, sind nachvollziehbar. Fast zwei Drittel der Amerikaner glauben, dass ihr Land noch vor den Wahlen im November oder spätestens am Wahltag selbst erneut zum Opfer einer Terrorattacke werden wird.

Aus der Perspektive eines hypothetischen Al-Kaida-Terroristen wäre Boston mit seinem Großaufgebot an Politpromis und Medienleuten auch in der Tat ein optimales Anschlagsziel. Am Sonntagnachmittag hätte man zum Beispiel Bill Clinton in einer Barnes and Noble-Buchhandlung in der Huntington Avenue antreffen können, wo der Expräsident unter einem Massenandrang politischer Gesinnungsfreunde sein Opus "My life" signierte.

Gattin Hillary ist ebenso in der Stadt wie die gesamte sonstige Parteikorona der Demokraten, mit Ausnahme des Kandidaten John Kerry natürlich, der traditionsgemäß erst am letzten Konventstag zu den Seinen stoßen wird.

Leichte Hysterie

Aus begreiflichen Gründen sind die Behörden nicht daran interessiert, Details ihrer Sicherheitslogistik an die große Glocke zu hängen. Es gibt aber auch so einiges zu sehen, wenn man offenen Auges durch die Stadt geht. Militärpolizisten patrouillieren in gefleckten Tarnanzügen, die städtischen Polizisten in ihrer blauen Uniform – 5000 sollen es sein – mischen sich unter die Massen der Politaktivisten, die aus dem ganzen Land angereist sind und auf Schritt und Tritt jeden, der es will oder auch nicht, mit Flugblättern oder Buttons eindecken.

Die Stimmung ist optimistisch und energiegeladen und wird nur selten durch einen Hauch leichter Hysterie getrübt. In einem Subway-Wagon der Linie E erweckt ein etwa 60-Jähriger das Misstrauen des Zugführers. Der Fahrgast, offenbar ein demokratischer Aktivist, trägt einen langen Stock mit sich, auf den er mehrere Schildchen mit Slogans gegen den amtierenden Präsidenten geklebt hat ("Bush könnte nicht einmal einen Waschsalon führen"). Der Zugführer ist der Ansicht, dass sich der Stock auch als Waffe verwenden ließe. Er hält den Wagen an, mehrere Mitarbeiter der städtischen Transportbetriebe eilen herbei, nach einer hitzigen Debatte räumt der Mann mit dem Stock maulend das Feld.

Das Fleet-Center, der eigentliche Schauplatz des Konvents, ist durch mehrere konzentrische Sicherheitskreise von der Außenwelt abgeschottet, die nahe gelegene "North Station" wurde zeitweilig überhaupt geschlossen. In der Nacht zum Montag hatte ein Mitglied der Nationalgarde für Aufregung gesorgt, als es einen Fallschirmspringer auf einem Hausdach in der Nähe des Fleet Center landen sah. Hubschrauber suchten das Gebäude umgehend von oben ab, fanden aber niemanden. Schließlich einigte man sich auf die Diagnose Fehlalarm.

Delegierte und Journalisten, die ins Innere des gigantischen Gebäudequaders vordringen wollen, müssen sich zwischen Gittern und Betonklötzen durch ein schier endloses Spalier wachsam-misstrauischer Blicke hindurcharbeiten. Im Inneren wird der Besucher von einer Fotogalerie empfangen, welche den Kandidaten Kerry in allen Lebenslagen zeigt: Als Bassist seiner Schulband "The Electras", im Urwald von Vietnam, auf einer Friedensdemo mit John Lennon. Im Innersten des Fleet-Center, der gigantischen Parteitagshalle, sind die letzten Mikrofon- und Stellproben im Gange.

Eine Moderatorin stimmt sich schon auf den Abschlussabend ein: "Heißen Sie mit mir John Kerry, den nächsten Präsident der USA, willkommen." Die Lautsprecher tragen den Satz durch das riesige Hallenoval bis hinauf zur Saaldecke, wo exakt hunderttausend bunte Luftballons hinter Plastiknetzen ihrer abschließenden Bestimmung entgegen dämmern. Als farbenprächtige Accessoires werden sie am Donnerstag minutenlang zu Ehren des neuen demokratischen Kandidaten in den Saal hinunterregnen. (DER STANDARD, Printausgabe, 27.7.2004)

Von Christoph Winder aus Boston
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    Polizei-aufmarsch beim Fleet-Center in Boston als Schutz vor Anschlägen und Protest-kundgebungen.

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