Schneller schreiben, früher loslassen

27. Juli 2004, 10:41
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Der zeitliche Aufwand für Diplomarbeiten ist völlig überdimensioniert - Ein Kommentar der anderen von Judith Huber

Alfred Pfabigan fordert eine verstärkte Fähigkeit der österreichischen Universitäten "ihre Studenten zeitgerecht ,loszulassen‘". Überlange Studienzeiten seien weder karrieretechnisch noch volkswirtschaftlich günstig. Dem ist zuzustimmen. Mich interessiert diese offenbar mangelnde Fähigkeit "loszulassen", das heißt die Frage, was die Betroffenen daran hindert, ein Studium rasch abzuschließen. Pfabigan nennt die relevanten Statistiken: Mehr als 50 % der Absolventen sind älter als 25 Jahre, mehr als 25 % älter als 30. Ein Grund für dieses Phänomen liegt in der überlangen Zeit, die österreichische Studierende mit dem Schreiben (oder Nicht-Schreiben-Können) ihrer Diplomarbeit verbringen.

Leider gibt es dazu keine Statistiken. Erfahrungswerte lassen vermuten: Die meisten Studierenden arbeiten länger als ein Jahr an ihrer Diplomarbeit. Wer nur ein bis eineinhalb Jahre braucht, kann sich schon zu den Schnelleren zählen. Denn, sehr viele hängen jahrelang an ihren Diplomarbeiten, jobben nebenbei oder beginnen eine Karriere, häufen Literatur und Exzerpte an und verlieren sich in Schreibängsten. Nicht wenige brechen in dieser Phase noch ihr Studium ab.

Diese verzögerten bzw. verlorenen Studienabschlüsse sind ein tabuisiertes Massenproblem. Also: Die Mehrzahl der Studierenden verwendet ca. ein bis drei Jahre für die Diplomarbeit. Laut Gesetz (UG 2002, §81(2)) ist aber die "Aufgabenstellung der Diplom- oder Magisterarbeit so zu wählen, dass für eine Studierende oder einen Studierenden die Bearbeitung innerhalb von sechs Monaten möglich und zumutbar ist." Sechs Monate!

Von innerhalb von sechs Monaten verfassten Diplomarbeiten habe ich bisher nur von der Wirtschaftsuniversität gehört. Dort werden auch Themen mit klar umrissenen Fragestellungen vergeben und maximale Seitenzahlen festgesetzt (zumeist 80 Seiten). An der Universität Wien hingegen scheint das Sechs-Monate-Gesetz sowohl bei den Studierenden als auch den Betreuern unbekannt zu sein.

Fragwürdige Freiheit

Der Gesetzestext ist klug, er definiert die Art der "Aufgabenstellung" einer Diplomarbeit. Von dieser hängt es nämlich (neben anderen Bedingungen und Fähigkeiten) ab, ob eine wissenschaftliche Abschlussarbeit in sechs Monaten geschrieben werden kann. Als Schreibtrainerin habe ich fast täglich mit völlig überdimensionierten Diplomarbeitsprojekten zu tun. Die Breite des Themas, die Länge der Leseliste und der wissenschaftliche Anspruch gehen weit über das hinaus, was in sechs der auch 12 Monaten leistbar ist und was eine Diplomarbeit eigentlich leisten müsste.

Die Studierenden bekommen in der Regel einfach keine ausreichende Unterstützung dabei, ihr Diplomarbeitsprojekt so einzuschränken und zu fokussieren, dass die "Bearbeitung innerhalb von sechs Monaten möglich und zumutbar ist". Vielmehr haben sie die fragwürdige Freiheit, ihr Thema so breit und vage anzulegen, wie sie möchten und so lange daran zu arbeiten bis sie eben fertig sind.

Manchen durchaus wohl meinenden Betreuern fallen immer neue Bücher und Themenaspekte ein, die sie ihren Schützlingen vorschlagen, anstatt ihnen zu helfen, das Projekt handhabbar zu halten. Andere wiederum, besonders Engagierte verlangen immer weitere Überarbeitungen und Verfeinerungen: eloquenter, exakter, kritischer. Manche Diplomarbeiten werden so zu kleinen Dissertationen, über- bzw. falsch dimensioniert sind fast alle. Ich erinnere an die sechs Monate!

Naturgemäß liegt die Schuld nicht bei den Betreuern, auch wenn viele von ihnen, was konstruktives Text- Feedback betrifft, Nachholbedarf haben. Die Betreuenden müssen gemeinsam mit den Diplomanden die mangelnde Lehre von Schreibtechniken an österreichischen Universitäten ausbaden.

An englischsprachigen Universitäten, die gerne als "verschult" kritisiert werden, wird Schreiben seit Jahrzehnten in allen Studienrichtungen gelehrt und werden Schreibprozesse im Laufe des Studiums vielfach besprochen. Manche Studienrichtungen heimischer Universitäten haben bereits begonnen, die "wissenschaftliche Textproduktion" in den Lehrplan aufzunehmen. Andere werden hoffentlich nachziehen. Denn die von Alfred Pfabigan geforderte Fähigkeit der Universität, ihre Studenten zeitgerecht "loszulassen", wird auch davon abhängen, ob und wie sie die Vorbereitung der Studierenden auf die Diplomarbeit und deren Betreuung in Zukunft regeln wird.

Dann sollte es möglich sein, dass kleinere, feinere Abschlussarbeiten, verfasst mit mehr Strategie und Freude, den Studierenden den Weg rascher nach draußen eröffnen. (DER STANDARD, Printausgabe, 27.7.2004)

Mag. Judith Huber ist Text-Coach (writers' studio) und lehrt Schreibmethodik an der Universität Wien und der Karl-Franzens-Universität Graz.

Nachlese

Leben in Überfluss-Semestern - Ein Kommentar der anderen von Alfred Pfabigan

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