Studieren über Gebühr: Die Stoppuhr als Bildungsmotor?

27. Juli 2004, 10:39
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Ein Philosoph stimmt ein Klagelied über "Langzeitstudenten" an - Replik auf Alfred Pfabigan - Ein Kommentar der anderen von Lisa Mayr

Der Begriff trägt ein gewisses abwertendes Moment in sich: Langzeitstudent. Dennoch hat dieser Ausdruck die früher verwendete und weniger bürokratischstrenge Rede vom "Bummelstudenten" weit gehend aus dem Sprachgebrauch gedrängt. Nicht zufällig: Vielmehr reproduziert Sprache auch hier herrschende Realität. Ähnlich wie im Falle der so genannten Langzeitarbeitslosigkeit verweist die Formulierung "Langzeitstudent" auf die Schwierigkeit der "Integration" des Betroffenen ins Wirtschaftssystem.

Die herrschende Logik sagt: Je länger man "weg vom Fenster" ist und sich etwa durch ausgedehnte Studiendauer der vollen Berufstätigkeit entzieht, desto schwieriger wird es, darin jemals Fuß zu fassen. Für Studierende von heute gilt dementsprechend: Wer in jungen Jahren noch nicht weiß, was er will, hat eigentlich schon verloren. Denn für Unsicherheiten in Sachen Lebensperspektive ist kein Platz am "Markt der Möglichkeiten". Vielmehr lautet die Devise, zielstrebig Prestigeposten für den Lebenslauf zu sammeln und möglichst klug ins eigene Humankapital zu investieren.

Intellektuelles Herumtrödeln an der Universität war gestern, mehrmaliger Studienwechsel zählt heute längst nicht mehr als Erweiterung des Bildungs- und Erfahrungshorizonts, sondern wird als "frustrierende Orientierungslosigkeit" (© Alfred Pfabigan) ausgelegt.

Im Mainstream der derzeit Schule machenden Bildungsökonomisierung ist Pfabigan aus einem weiteren Grund gut aufgehoben: Wenn er nämlich lange Studiendauer als "skandalöse Befindlichkeit" beschreibt, spinnt er geschickt jenen Argumentationsfaden, der neoliberale (Bildungs-)Politik im Kern zusammenhält. Anstatt die erwiesenermaßen für die Prolongierung der Studiendauer mitverantwortlichen Studiengebühren oder die chronische Unterfinanzierung heimischer Universitäten auch nur zu erwähnen, lenkt er den Blick von der Hochschulpolitik weg auf die individuelle Ebene der studentischen Leistung und beschreibt ein dem System immanentes Problem als das persönliche Scheitern einzelner Akteure.

Verlorene Jahre?

Kein Zweifel: Auf allen Ebenen wird derzeit eifrig daran gearbeitet, die reformbedürftigen österreichischen Universitäten in moderne marktorientierte "Dienstleistungshochschulen" umzuwandeln. Unabhängig davon, ob man diesen Umbau gutheißt oder nicht, sollte dessen politische Dimension jedoch nicht übersehen werden. Denn wenn plötzlich von marktorientierten Hochschulen, von universitärer Effizienzsteigerung und von studentischem Humankapital die Rede ist, dann sind das keinesfalls unpolitische "Verwaltungsfloskeln". Vielmehr steckt hinter diesen Begriffen eine ideologische Antriebskraft, die die reibungslose Übernahme des Marktprinzips in den Bildungsbereich zum Ziel hat.

Im Tarngewand der ökonomischen Notwendigkeit werden unter dem Vorwand des Sparens ständig inhaltliche Entscheidungen an den Universitäten getroffen. Der Abbau politischer Partizipationsstrukturen zum Nachteil der Studierenden etwa im Zuge des Universitätsgesetzes 2002 (UG 02) dient nicht zuletzt dazu, "Sachzwänge" des ökonomischen Systems von politischem Legitimationsdruck zu entlasten und der Umwandlung von umfassender Bildung hin zu bedarfsorientierter Ausbildung argumentativ den Boden zu bereiten.

Pfabigans Analyse gipfelt in der Feststellung, dass "jedes überflüssigerweise an der Universität verbrachte Jahr ein verlorenes Lebensjahr" sei. Darüber, was in seinem Verständnis im Gegensatz dazu sinnvoll verbrachte Lebenszeit ist, gibt der Philosoph leider keinerlei Auskunft. Der Verdacht allerdings liegt nahe, dass sich eine solche für ihn primär durch volle Berufstätigkeit auszeichnet.

Umfassende Bildung, intellektuelle Beschäftigung und Erkenntnisgewinn wäre dementsprechend nicht mehr erstrebenswertes Ziel im Leben, sondern lediglich notwendiger Weg hin zu einem zu erreichenden Zustand, das Studium nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck der Investition in die Ich-Aktie. Dieses Bildungsverständnis entspricht exakt dem derzeitigen realpolitischen Umbau der Universitäten von umfassenden Bildungsinstitutionen zu bedarfsorientierten Ausbildungsstätten am Gängelband der Wirtschaft.

Die regierenden Protagonisten neoliberaler Bildungspolitik dürfen Alfred Pfabigan dankbar sein. Als Wissenschafter dekoriert und mit geisteswissenschaftlichem Hintergrund, zählt er zur Gruppe jener Experten, die, gesellschaftlich verträglicher als beinhart kalkulierende Wirtschaftsliberale, mithelfen, die Ökonomisierung der Bildung breitenwirksam zu legitimieren. (DER STANDARD, Printausgabe, 27.7.2004)

Lisa Mayr (25), Redakteurin des von der Österreichischen Hochschülerschaft herausgegebenen Magazins "Progress", studiert Politikwissenschaft an der Universität Wien.

Nachlese

Leben in Überfluss-Semestern – Ein Kommentar der anderen von Alfred Pfabigan

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