Rezension: Bayreuth als Schrottplatz der Mythen

27. Juli 2004, 12:12
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Pierre Boulez sorgte für überragendes Niveau, Christoph Schlingensief unterlief brillant alle Konventionen

So kurz wie schon lange nicht dauerten Beifall und Proteste nach der "Parsifal"-Premiere.


Wirkliches Charisma und wahre Fortune hat nur einer, der auch unfreiwillig erfolgreich ist.

Wie Wolfgang Wagner, der nun nach wochenlangem Haareraufen, Zetern und Streiten mit Christoph Schlingensief von diesem einen Parsifal auf die Bühne geliefert bekam, um den ihn jeder Opernchef (und vor allem der am Wiener Opernring) nur beneiden kann.

Angesichts der musikalischen Unerschütterlichkeit, für die das in jeder Nuance stimmige Orchesterfundament unter der Leitung von Pierre Boulez und die Klangsäulen der von Eberhard Friedrich studierten Chöre in jedem Augenblick dieser Aufführung gesorgt haben, erhält die Nervosität des Hügelregenten den Zug des sympathisch Skurrilen.

An den Rand des Wahnsinns allerdings dürfte Schlingensief wohl das technische Personal des Hauses gebracht haben. Lässt er sich doch von seinen beiden Bühnenbildnern, Daniel Angermayr und Thomas George, eine verwirrende und sich ständig verändernde Deponie von Paramenten und Kultgegenständen aller nur denkbaren Religionen und Sekten hinbauen. Zelte, Säulen, Grabsteine, Totemstangen, Leitern, ein Wachturm, Stangen, Zäune sind auf diesem Schrottplatz des Weltmythos angehäuft. Häufig zirkulierend wird die Bühne zum kultischen Ringelspiel, das den verschiedenen Stationen der Handlung immer neue, ebenso ungewohnte wie überwiegend schlüssige Schauplätze bietet.

Dass diese von Wesen bevölkert sind, die mit keinerlei Wagner-Konvention etwas zu tun haben und von Tabea Braun entsprechend gekleidet sind, versteht sich wohl von selbst: Gurnemanz ist ein zottiger Guru, der, nach Bart und Frisur zu schließen, von Körperpflege wenig hält. Klingsor wirkt wie der einer konventionellen Zauberflöte entsprungene Monostatos. Dafür ist Amfortas erstaunlicher Weise ambulant und von Klingsors Speer offenbar an der für seinen Sündenfall zuständigen Stelle verwundet. Bei Knappen und Blumenmädchen handelt es sich überwiegend um magisch versierte Gastarbeiter aus Afrika. Eine voluminöse Urmutter mit eingeschlossen.

Kundry versucht Parsifal zunächst in einer mit Maschen gezierten weißen Robe zu betören. Als sie sich zur Intensivierung ihrer Aktivitäten dieser entledigt und sich in einer hässlichen Kleiderschürze mit ihrem ganzen Umfang auf die verschüchtert daliegende Titelgestalt flächendeckend niederlässt, bedürfte es im Grunde gar nicht der in Parsifal aufsteigenden Erinnerung an die Amfortas-Wunde, um solchem Liebesdruck zu entfliehen.

Ja, ja, bei Schlingensief darf hin und wieder durchaus gelacht werden. Er lässt nämlich nicht mehr und nicht weniger (größtenteils virtuos) über die Bühne brausen als das, was ihm ganz persönlich zum Parsifal einfällt. Er liefert keine Deutung.

Rituelle Aktionen

Er spreizt die diesem Werk immanente Erlösungssehnsucht in alle möglichen Mythen. Füllt üblicher Weise statische Stellen durch an sich unverständliche rituelle Aktionen, die in ihrer materiellen Grobschlächtigkeit, wohl auch in der etwas ermüdend häufig verwendeten Hasenmetapher an Joseph Beuys erinnern und in der Neigung zu Blut und Verletzung auch an Hermann Nitsch und Rudolf Schwarzkogler. So wird die erste Gralsszene zu einem ökumenischen Blutopfer, das an Händen und Kleidern der Beteiligten seine Spuren hinterlässt.

Was Schlingensiefs Inszenierung aber so faszinierend macht und wodurch sie für Bayreuth einen historisch bedeutsamen Kick nach vorne bedeutet, ist der perfekte Mix, in dem sich Projektionen, Film, Kulisse, Aktionen und Musik zum Gesamtkunstwerk verbinden. Ornamente, Landschaften, Bauten aus Licht und Schatten verschmelzen mit bewundernswerter und stets den Emotionen der musikalischen Abläufe folgenden Sequenzen mühelos mit Requisiten und Darstellern.

Letzteren ist insgesamt eine weit über die Ausmaße einer üblichen Parsifal-Realisierung hinausgehende Spiel- und während der Proben wohl auch Leidensbereitschaft zu bescheinigen. Da wird Endrik Wottrichs zweimaliges Auszucken während der Vorbereitungen schon verständlich. Dass er bei aller Anerkennung seiner Leistung auch in der harmlosesten Inszenierung ein eher schwacher Titelheld ist, lässt sich allerdings ebenfalls nicht leugnen.

Anders Alexander Marco- Buhrmester, der trotz aller szenischer Strapazen seinen Amfortas mit geradezu meditativer Innerlichkeit gesungen hat. Auch John Wegners Klingsor und Kwangchul Youns Titurel boten bestes Bayreuther Niveau. Das musikalische Kaliber von Robert Holls Gurnemanz war seinem optischen Erscheinungsbild allerdings nicht immer ebenbürtig. Ebenso wie Michelle De Young als Kundry in der Mittellage zwar füllige Dramatik verströmte, aber diesen Eindruck durch spitze, angestrengte Hochtöne immer wieder trübte. (DER STANDARD, Printausgabe, 27.7.2004)

Von Peter Vujica aus Bayreuth
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    Christoph Schlingensief setzt in "Parsifal" magisch versierte Gastarbeiter aus Afrika ein - eine voluminöse Urmutter mit eingeschlossen. Und Robert Holls Gurnemanz ist ein zottiger Guru.

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