"Inzwischen gelten wir nicht mehr als böser Preisdrücker"

1. September 2004, 10:42
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Geizhals.at-Chef Marinos Yannikos im WebStandard- E-Mail-Interview über Sparen und die Konkurrenz

Geizhals.at ist bei österreichischen Internet-UserInnen nicht unbekannt. Der Name ist Programm, auf geizhals.at können die Preise zahlreiche IT-Produkte verglichen werden.

New Economy in Österreich

Die unter der Marke Geizhals auftretende Preisvergleich Internet Service AG hat ihren Sitz in Wien und wurde 2000 von Vorstand Marinos Yannikos mit einer Venture-Capital-Summe von damals 4 Millionen Schilling (291.000 Euro) als New Economy-Unternehmen gegründet. Geizhals wird derzeit von über 700 Händlern benutzt. Das Unternehmen hat in Österreich nach eigenen Angaben praktisch keine Konkurrenz und einen Marktanteil von 95 Prozent.

Über 100.000 Artikel

Mittlerweile sind bei geizhals.at über 100.000 Artikel gelistet. Der Handel setzt im Durchschnitt monatlich rund 30 Millionen Euro auf geizhals.at um, mehr als 950 Händler sind auf der Plattform mit ihren Produkten vertreten.

Der Vorstand der Preisvergleich Internet Services AG und Erfinder von Geizhals, Marinos Yannikos, spricht im Webstandard E-Mail-Interview über die Geschichte des Erfolgsunternehmens, über die "beliebtesten" Produkte, freie Software und die verborgenen Gründe, warum große Ketten wie etwa Cosmos und Saturn den direkten Preisvergleich scheuen.
Die Fragen stellte Klaus Kraigher.

Webstandard: Der Geizhals-Preisvergleich existiert seit 1996. Gibt es eine Geschichte rund um die Erfindung „Geizhals“?

Marinos Yannikos: Eigentlich hat alles ganz harmlos begonnen – wie jeder „Computer-freak“ kannte auch ich ein paar besonders interessante kleinere EDV-Händler, die wegen ihrer günstigen Preise und dem guten Service, aber im Vergleich zu den größeren Ketten nicht existenten Werbebudgets, echte Geheimtipps waren. Über diverse Foren und private Websites konnte man teilweise schon ihre Homepages mit Online-Preislisten finden, oder man suchte eben in diversen Computerzeitschriften nach Inseraten mit aktuellen Preisen. Die Situation war für preisbewußte Technik-Freaks alles andere als zufriedenstellend und so war es naheliegend, die verstreuten und in verschiedensten Datenformaten vorliegenden Quellen automatisiert zusammenzufassen und übersichtlich aufzubereiten.

Webstandard: Auf Ihrer Website wird Larry Page, Mitbegründer der Suchmaschine Google, zitiert: "First and foremost, it's important to deliver a service that is useful to people". Ist das auch das Motto von geizhals.at?

Marinos Yannikos: Es ist auf jeden Fall ein wichtiger Leitsatz für uns – wir wollen niemanden zu irgend etwas überreden, sondern eine nützliche Informationsquelle bieten, die gern genützt wird. Da Geizhals.at inzwischen aufgrund der Reichweite auch den Markt beeinflußt (wenn man den zahlreichen Erwähnungen in einschlägigen Branchenpublikationen glauben darf), sind auch Fairneß und Transparenz in der Handelsbranche und die Harmonie zwischen Online- und „Offline“-Handel zentrale Anliegen für uns geworden. Wir versuchen also auch, unseren Teil dazu beizutragen, daß der etablierte Fachhandel den Weg ins Internet findet - wo sich immer mehr Menschen vor jedem Kauf informieren - und sich dort auch als solcher präsentieren kann.

Webstandard: Finanziert sich geizhals.at ausschließlich über Werbung? Bezahlen Firmen dafür, dass sie bei geizhals.at aufscheinen?

Marinos Yannikos: Seit Ende 2000 ist die Teilnahme an unserem Preisvergleich kostenpflichtig, pro „lead“ (Kundenkontakt – also Weiterleitung eines Besuchers zur Online-Präsenz des Händlers) fällt eine Gebühr von 0,07 bis 0,12 Euro an.

Webstandard: Gibt es bei der Händler-Bewertung oder bei der Rubrik Meinung Missbrauch (bei Amazon wurde beispielsweise bekannt, dass Autoren selbst ihre Bücher rezensiert haben, natürlich nur sehr gut)?

Marinos Yannikos: Natürlich probieren es manche immer wieder – unsere Redaktion überprüft die Bewertungen systematisch und verwarnt diejenigen, die versuchen, das Bewertungssystem zu manipulieren. Gefälschte Bewertungen werden „geplonkt“ (gelöscht, aber mit einem eindeutigen Kommentar versehen), sodaß auch im Nachhinein ersichtlich ist, daß Bewertungen beim betreffenden Händler gefälscht wurden (das kann äußerst demotivierend auf die Übeltäter wirken). Wir haben lange an dem Verfahren getüftelt und die Umsetzung war auch aus „vertriebstechnischer“ Sicht nicht ganz einfach (d.h. es gab viel Druck seitens einiger Händler), aber wir wollten unseren Usern ermöglichen, ihre Erfahrungen möglichst effektiv anderen Usern mitzuteilen und inzwischen hat sich das Bewertungssystem als äußerst wertvoll für unsere User und natürlich auch für die serviceorientierteren Händler erwiesen.

Webstandard: Was sind die "beliebtesten" Produkte bei Geizhals?

Marinos Yannikos: Das „Boom-Produkt“ schlechthin sind noch immer die Digitalkameras, dicht gefolgt von Notebooks und anderen Produkten aus dem Bereich der Unterhaltungselektronik (DVD-Player, Camcorder, MP3-Player) und natürlich die jeweils „heißesten“ Computer-Komponenten (neue Grafikkarten, Prozessoren, DVD-Brenner...).

Webstandard: Sind neue Kooperationen wie etwa mit Red Zac geplant?

Marinos Yannikos: Wir sind immer bemüht, den renommierten Fachhandel bei seinen Online-Engagements zu unterstützen, es wird also in diesem Bereich noch einige Kooperationen geben. In letzter Zeit scheint ein Umdenken in der Elektro-Branche stattzufinden - inzwischen gelten wir nicht mehr als „böser Preisdrücker“, sondern als Plattform für alle Händler, die sich dafür engagiert, auch in Bezug auf Servicequalität und Kompetenz die notwendige Transparenz zu schaffen.

Webstandard: Ist die Konkurrenz durch Ebay und Onetwosold - vor allem durch so genannte Powerseller – groß?

Marinos Yannikos: Wir haben uns schon vor unserer Kooperation mit Onetwosold den Kopf darüber zerbrochen, ob wir nun ähnliche oder unterschiedliche User ansprechen – und sind zu dem Schluß gekommen, daß letzteres der Fall ist. Geizhals-User legen Wert auf hohe Informationsqualität und Transparenz und nicht zuletzt auch auf Sicherheit und Vertrauen, also Qualitäten, die eindeutig bei den bei uns zu findenden professionellen Handelsbetrieben vorhanden sind – im Gegensatz zu einem Sammelsurium aus privaten, semi-professionellen - und Gebrauchtwarenhändlern, wo man sicherlich das eine oder andere Schnäppchen ergattern und am regulären Markt nicht mehr erhältliche Produkte finden kann, aber wo der „reguläre“ Handel schon aufgrund der hohen Gebühren und der komplizierteren Abwicklung (als im eigenen Shop) nicht oder nur eingeschränkt partizipieren kann.

Webstandard: Haben Anbieter schon versucht Raubkopien von DVDs oder Spielen zu verkaufen, was passiert in so einem Fall?

Marinos Yannikos: Da wir die gelisteten Anbieter vorab überprüfen (Identität, Gewerbeberechtigung, AGB), ist so etwas eigentlich unmöglich (es sei denn, derjenige wäre sehr dumm ...).

Webstandard: Gibt es Pläne in andere Bereiche, die nicht technik-dominiert sind, zu expandieren?

Marinos Yannikos: Wir sind bereits sehr aktiv in Bereichen wie Haushaltsgeräte, Körperpflege, DVD-Filme und es kommen laufend weitere hinzu. Da wir mit einer detailgenauen Katalogstruktur (im Gegensatz zu einer „unsortierten“ Suchfunktion) arbeiten, beschränken wir uns jedoch auf eindeutig identifizierbare und vergleichbare Markenartikel.

Webstandard: Warum finden sich Ketten wie Saturn nicht im Vergleich?

Marinos Yannikos: Das ist eine gute Frage, auf die ich nur sehr diplomatisch antworten kann: da ich mir schwer vorstellen kann, daß sie – als lautstarke Proponenten der billigen Preise und der nicht-blöden Kunden – den direkten Vergleich mit unseren Händlern scheuen, muß es einen mir verborgenen Grund geben, warum sie lieber ausschließlich auf die tausendfach teurere und weniger objektive TV-, Radio- und Printwerbung setzen.

Webstandard: Welche Hardware setzt Geizhals ein? Welche Software?

Marinos Yannikos: Für unsere Server verwenden wir selbst assemblierte x86-basierte Systeme (Dual-Xeon- bzw. Opteron-Barebones), als Betriebssystem kommt Linux zum Einsatz. Die meiste Software ist Open Source (Apache, Perl, PostgreSQL, ...), die Web-Applikationen und sämtliche Intranet-Software sind „in house“ programmiert.

Webstandard: Produkte und Preise werden bei geizhals.at nach eigenen Angaben stündlich aktualisiert. Geschieht dies automatische bzw. wie viele Mitarbeiter hat die geizhals.at Redaktion?

Marinos Yannikos: Die mehr als 2 Millionen Angebote werden regelmäßig und automatisiert von den Händlern bzw. aus deren Online-Shops übernommen, die mittlerweile 13köpfige Redaktion pflegt unsere Produktdaten und -bilder und sorgt dafür, daß die oft nicht sehr leicht zu identifizierenden Artikel der Händler leicht über unseren Produktkatalog gefunden und verglichen werden können.

Webstandard: Zwischen eBay und geizhals.at gab es einen Streit um die Reichweite. Wer liegt wirklich vorne?

Marinos Yannikos: Ich nehme an, Sie meinen eBay.at - die kurze Antwort lautet: wir. Die lange Antwort: eBay.at hat im Feber (leider sehr willfährig von manchen Medien übernommene) Zahlen einer US-Agentur veröffentlicht, die eBay in Österreich eine Reichweite von rund 450.000 unique clients bescheinigte (nach einem in den Medien nicht näher erläuterten Verfahren, vermutlich hochgerechnet oder geschätzt), was ja durchaus stimmen mag. Wir hatten im genannten Zeitraum eine ca. 3 Mal so hohe von der ÖWA gemessene, geprüfte und veröffentlichte Reichweite (jeder Zugriff wurde gezählt, das Meßerfahren ist technisch gesehen praktisch unfehlbar), aber eBay.at meldete einfach ebenfalls von dieser Agentur stammende Reichweitenzahlen für Geizhals.at, die ca. um den Faktor 7 niedriger waren als die offiziellen laut ÖWA. Das war natürlich etwas ärgerlich für uns, aber vermutlich eher unbeholfen als böswillig gemeint...

  • geizhals.at Chef Marinos Yannikos spricht im E-Mail-Interview über die beliebtesten Produkte, freie Software und die "verborgenen" Gründe, warum große Ketten den direkten Preisvergleich scheuen.
    bild. geizhals.at

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