Wo der Gral zum Konzil wird

26. Juli 2004, 13:52
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Erste Eindrücke von Schlingensiefs Bayreuther "Parsifal"-Premiere

Angesagte Revolutionen finden nicht statt, in Bayreuth herrscht noch Frieden. Die Prominenz - vom neuen EU-Kommissionspräsidenten, dem Portugiesen José Manuel Barroso, über die CDU-Chefin Angela Merkel und die grüne Bundestags-Vizepräsidentin Antje Vollmer bis zum fast vollständig erschienenen bayerischen Kabinett mit Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) an der Spitze - ist angereist und wurde gehörig beklatscht. Die Aktionsgemeinschaft der Arbeitslosen hat demonstriert. Und ein Gebot Richard Wagners wurde schon missachtet: Entgegen seiner Anweisung gab es schon nach dem Schluss des ersten Aktes Beifall - aber keine Unmutsäußerung.

Wenn Berge kreißen wird dem Sprichwort nach eine Maus geboren. Beim "Grünen Hügel" in Bayreuth ist das anders, da schlüpft ein Hase. Und zwar jener von Joseph Beuys, der friedlich in einem Käfig hoppelt.

Ein Pandemonium

Das ist nicht das Einzige, womit Christoph Schlingensief seine nicht nur vom Bayreuther Festspielleiter Wolfgang Wagner ängstlich belauerte Inszenierung des "Parsifal" anreichert. Soweit nach dem ersten Akt beurteilbar, versucht Schlingensief Richard Wagners an katholischen Riten orientiertes Bühnenweihfestspiel in ein Pandemonium globaler Magie zu weiten.

Es mischen sich Voodoo-Zauber, Freimaurer-Auftritte und Kleriker aller Konfessionen in einer zwischen Straflager und Palastruine wechselnden, sich meist drehenden Szenerie (Bühnenbild: Daniel Angermayr und Thomas Goerge).

Szenische Musik

Was Schlingensiefs Inszenierung aber so fesselnd macht - zumindest im ersten Akt - ist die perfekte Synergie der szenischen Medien Film und Kulisse. So erhält das Lichtbildnerische die Funktion einer szenischen Musik. Der Gral wird zum ökumenischen Konzil, seine Öffnung ein Blutopfer, an dem sich ein jeder beteiligt.

Die wichtigste Dimension dieses Abends aber stellt die Musik unter der Leitung von Pierre Boulez dar. Ihm ist es scheinbar vorbehalten, an den wahren Höhepunkten der jüngeren Bayreuther Tradition im Orchestergraben zu wirken: 1976 bei Patrice Chéreaus Inszenierung des "Rings" und nun auch bei Schlingensiefs "Parsifal". (DER STANDARD Printausgabe 26. Juli 2004)

Peter Vujica aus Bayreuth
  • "Verschiedene Kulturen" wischen ihre blutverschmierten Hände am Hemd Parsifals ab.
    foto: bayreuther festspiele

    "Verschiedene Kulturen" wischen ihre blutverschmierten Hände am Hemd Parsifals ab.

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