Pressestimmen: "Gegen George W. Bush zu sein, ist noch lange kein Programm"

27. Juli 2004, 11:49
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"Eine Wahl wird in der Mitte gewonnen"

London/Paris/Zürich/Moskau - Der linksliberale The Independent (London) schreibt am Montag zum US-Präsidentschaftskandidaten John Kerry vor dem Parteitag seiner Demokraten: "Kerrys großer Vorteil ist die grimmige Antipathie, die Bush mit seiner Persönlichkeit und seiner Politik erzeugt hat. Diese Anti-Bush-Leidenschaft war der Grund, warum Kerry die Nominierung für sich entscheiden konnte. Noch könnte er damit auch die Wahlen gewinnen. Aber er wird zeigen müssen, dass John Kerry mehr zu bieten hat, als nicht George Bush zu sein. Der Parteitag dieser Woche gibt ihm die Möglichkeit, zu Amerika zu sprechen und zu zeigen, dass der den Charakter hat, das Land zu führen. Es ist eine Gelegenheit, die er nicht ungenutzt lassen darf."

Die linksliberale französische Tageszeitung Liberation, Paris "John Kerry kann nach Umfragen kaum von den negativen Schlagzeilen des amtierenden Präsidenten Bush profitieren. Einziger Auftrieb in dieser ereignislosen Kampagne ist die Ernennung seines Vizepräsidenten, des Südstaatlers John Edwards mit populistischen Akzenten und einem Zahnarzt-Lächeln. Doch die Art beider Männer, sich als die Vorreiter der Mittelklasse und Hüter der bürgerlichen Werte Amerikas darzustellen, schafft keine Klarheit. Es zeugt nur noch äußerster politischer Vorsicht, nach dem Motto, nicht zu schnell und zu früh loslaufen, denn eine Wahl wird in der Mitte gewonnen".

Der Zürcher Tages-Anzeiger, Zürich "Was die Demokratische Partei dieser Tage zusammenschweißt, ist eine tiefe Abneigung gegen den Republikaner George W. Bush. (....) Gegen George W. Bush zu sein, ist allerdings noch lange kein Programm. Die Demokraten werden sich hüten müssen, der amerikanischen Wählerschaft das Bild eines vornehmlich vom Zorn über die Politik des Präsidenten getriebenen Haufens zu bieten. Die Wähler erwarten Vorschläge zur Krise des Gesundheits- und Bildungswesens. Die Sanierung der Staatsfinanzen steht ebenso an wie eine Grundsatzdebatte über die Folgen der Globalisierung für die amerikanische Arbeitswelt."

"Vor allem aber müssen die Partei und John Kerry beweisen, dass sie den Kampf gegen den Terrorismus entschlossen aufnehmen können und sich dabei von einer anderen Vision leiten lassen als der Präsident: Nicht im Alleingang, sondern im Verein mit den amerikanischen Verbündeten. Kerry wird darlegen, dass nur eine gemeinsame Anstrengung das Problem des islamistischen Terrorismus wird lösen können. Für Europa und andere Teile der Welt steht damit einiges auf dem Spiel."

Die russische Tageszeitung "KOMMERSANT" (Moskau): "Die Welt drückt mit überwältigender Mehrheit John F. Kerry die Daumen. Das geschieht aber nicht, weil man von ihm Verbesserungen erwartet. Die Psychologie des politischen Anhängers lässt sich auf eine einfache Formel bringen: Da wir dem Präsidenten der Supermacht nicht persönlich eine Abreibung verpassen können, hoffen wir auf jemand anderen, der die Möglichkeit dazu hat. Danach werden George W. Bush und John F. Kerry die Rollen tauschen. Auch der neue Präsident findet irgendwo einen neuen Sündenbock. Und im Jahr 2008 wird die Welt dann wieder einhellig den Herausforderer des amtierenden Präsidenten unterstützen." (APA/dpa)

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