Sympathie für die Oberfläche: Premiere von Henry Purcells "King Arthur"

25. Juli 2004, 19:54
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Regisseur Jürgen Flimm inszeniert einen bunten, ideenreichen Multimedia-Abend, der allzu oft sein Heil im Reich des Blödelns und der plakativen Bebilderung sucht

Salzburg - Das noch ziemlich inhalts- und konzeptleere Wünschen und Spekulieren um seine Nachfolge könnte fast den Eindruck erwecken, der Mann sei gar nicht mehr da. Peter Ruzicka ist jedoch nicht nur nicht Geschichte. Er hat ab dem verregneten Beginn dieser Salzburger Festspiele noch mehr vor als hinter sich. Ganze drei Festspielsommer muss er noch gestaltend durchstehen, bis er sich in seine Komponierstube zurückziehen kann.

Doch längst kreisen Nachfolgekandidaten über Salzburg - die meisten in Papierform. Manche, wie Klaus Bachler, lassen sich auch die Eröffnungsproduktion nicht entgehen. Da trifft es sich ganz gut, vor der ersten Premiere eine Indisposition ankündigen zu müssen, während in der Felsenreitschule auf der Bühne die Sache langsam in Schwung kommt, nachdem auch das komplexeste Kleid unfallfrei Richtung Sitzplatz balanciert wurde.

Auftritt Peter Ruzicka also - irgendwie doch eine kleine Überraschung. Die Festspielgegenwart hat einen wieder. Zu ihr gehört gottlob auch Dirigent Nikolaus Harnoncourt. Bisher für alles Herausragende der Ära Ruzicka verantwortlich, ist er bei King Arthur auch optisch im Zentrum des Geschehens angelangt.

Zusammen mit seinem Concentus Musicus wirkt er inmitten der inselartigen Spielfläche (einer Art Malerpalette) als ideale Kombination aus Heiterkeit und Ernst, aus Theater und Musik. King Arthur, diese Semi-Opera, lässt ja Schauspiel und Musiktheater aneinander geraten, was auf der Machtebene eine gute Salzburger Tradition darstellt. Hier, wo Arthur und Oswald, der König der Sachsen, nicht nur Krieg führen, vielmehr auch um das Herz der blinden Emmeline (von poetischer Präsenz Sylvie Rohrer) fighten und die Zauber- und Geisterwelt kräftig mitmischt, soll alles aber unter einen Kunsthut gebracht werden. Gleichsam das ideale Festspielstück.

Auch Jürgen Flimm, Regisseur und scheidender Theaterchef der Festspiele (allerdings auch Kandidat für die Zeit nach 2006), und Harnoncourt können jedoch nicht verhehlen, wie schwer es ist, aus diesem offenen Kunstwerk von Henry Purcell und Dichter John Dryden, aus dieser barocken Ideensammlung und deren wirrer Quellenlage eine runde Sache zu basteln.

Das Surfbrett

Geizig war man nicht: Wolken wurden ersonnen, die als Leinwand für Liveprojektionen dienen. Aus der Mottenkiste der Theatergeschichte wurde das barocke Flugtheater herausgeholt, das Zauberer Merlin (so komisch wie rührend Christoph Banzer) auf einem Surfbrett herabsegeln lässt und auch sonst einiges durch die Lüfte schickt. Und die Arkaden der Felsenreitschule sind längst keine Begrenzung mehr: Durch ihre Fenster sieht man, Videobeamern sei Dank, nach außen - Natur, Flugzeuge, Soldatenfriedhöfe.

Zudem wurde den Steinarkaden eine hölzerne, blaue Rückwand vorgebaut (Bühnenbildner: Klaus Kretschmer, Salzburgs Technikchef). Und auch Wind- und Schneemaschinen sollen uns vergessen lassen, dass wir in der Effektepoche von Herr der Ringe und Harry Potter leben. Üppig, sinnenfroh und leicht soll das Ganze sein. Doch ist es dann auch etwas behäbig, schwer, leidet an der Überfülle der Bebilderung und kippt schon mal ins Schwerfällige und Grelle. Die Frostszene etwa zieht sich endlos als Ballett der Pinguine dahin. Und als wär's der Ideenplattheit nicht genug, kehrt die Sommertemperatur dann in Form von Bikinis und Hawaiihemden zurück.

Rund um diesen optischen Tiefpunkt natürlich allerlei unbeschwerte Heiterkeit, die in einem Fest samt Popkonzertallüren endet: wie Philidel (entzückend Alexandra Henkel) im Orchestergraben verzweifelt tobt und Harnoncourt anfleht, endlich etwas zu spielen (von ihr aus auch was von Ruzicka), um Grimbald (grandios Werner Wölbern) zu entkommen. Wie Arthur (Michael Maertens macht aus dem König einen britischen Soldaten mit dem Hang zum Fracksausen) und Oswald (gediegen Dietmar König) gemeinsam Bierflascherln knacken - das ergibt hochvirtuose Detailkomik, die einen etwas langen Abend um Entzückendes verkürzt. Einen Abend, der sich zu lang an der Blödeloberfläche aufhält. Insofern ein Gesamtkunstwerk, das alle Tiefen und Höhen vereint.

Nur im Orchestergraben, aus dem ein durchsichtig schwebender Sound kommt, sind Tiefsinn und Leichtigkeit wirklich in Balance. Harnoncourt hat es nicht leicht. Dieser Raum ist für den Concentus Musicus von der Größe her schon eine ziemliche Herausforderung. Umso erstaunlicher, dass die konzise ausphrasierten Details doch noch über die Rampe kommen und niemals ins Derbe, Nebulose abgleiten.

Schließlich die Sänger: Barbara Bonney, Isabel Rey, Birgit Remmert, Michael Schade und Oliver Widmer machen auf hohem Niveau aufopferungsvoll jede und nicht nur die tiefsinnige Blödelei mit und verleihen der Produktion ein gewisses Fundament.

Buh- und Bravorufe hielten sich am Ende die Waage, kurz und schmerzlos wurde protestiert und gejubelt. Als wäre es schon sehr spät . . . (Ljubisa Tosic/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26. 7. 2004)

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