Verquere Kopfgänge und starke Mädchen

25. Juli 2004, 19:47
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Mathilde Monnier zeigte das absurd-komische Stück "Déroutes" nach Büchners "Lenz" - danach folgt die Studie "Publique"

Wien - "Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehn konnte." Lenz, die Hauptfigur der gleichnamigen Novelle von Georg Büchner, treibt es durch den Wald. Der Schriftsteller Büchner nahm sich 1835 der Geschichte über einen anderen Schriftsteller, nämlich Jakob Michael Reinhold Lenz (1751-1792), an und machte aus der Wanderung seines Protagonisten eine Metapher über Wandlungen subjektiver Welterfahrung im Naturschauspiel des vogesischen Steintals: "Er stand, den Leib vorwärts gebogen, Augen und Mund weit offen, er meinte, er müsse den Sturm in sich ziehen, alles in sich fassen, er dehnte sich aus und lag über der Erde, er wühlte sich in das All hinein, es war eine Lust, die ihm wehe tat."

Verquere Kopfgänge, verrücktes Dahinschreiten, erschöpftes Innehalten und ironische Ich-Verwandlungen sind Themen, die die französische Choreografin Mathilde Monnier von Büchners Text in ihr Tanzstück Déroutes (Irrwege, Fluchten) übersetzt hat, das nun bei ImPulsTanz im Odeon gezeigt wurde. Lenz hat sich in elf Personen aufgespalten. "Töne" knistern, zischen und orgeln aus den Klangzeugen des Musikers eRikm, "als wollten sie in ihrem wilden Jubel die Erde besingen" (Büchner).

Genitalprothesen

Ein Mann geht immer wieder die gleiche Route an der Bühnenperipherie, jedes Mal anders gekleidet. Im militärischen Tarnnetz oder nackt mit einer Saugglocke und gelben Tischtennisbällen als Genitalprothesen oder im Weihnachtsmannkostüm. Einer Tänzerin von irrwitziger Präsenz und Technik, Filiz Sizanli, sprudelt ein Quell aus dem Mund in die Hand, auf den Boden. Ein magerer Student kommt auf seinen Eissohlen kaum vom Fleck, eine orientalische Frau von mütterlichen Ausmaßen singt in sphärischer Verzückung, ein Akteur mit zwei gewaltigen Reifenschläuchen am Körper stolpert mühsam über die Bühne.

Die Choreografie verläuft als wohlkalkuliertes Chaos, absurd-komische Szenen blitzen auf und verlöschen wieder, die Bühne widerspiegelt Lenzens Kopfinneres. Déroutes ähnelt im Ansatz und in der Figurenauffassung den Arbeiten der bis vor wenigen Jahren in Wien aktiv gewesenen Performancekooperative Lux Flux/Saira Blanche Theatre, etwa Neznajka, das 1998 bei ImPuls zu sehen war.

Prickelnde Sensation

Monnier, immerhin eine der renommiertesten Choreografinnen in Frankreich, hat während der vergangenen Jahre einen viel beachteten Wandel vollzogen und neue künstlerische Methoden aus der guten alten Postmoderne extrahiert. So gelingt es ihr großartig, eine analytische Ausgangsbasis mit Tanz- und Performance-Elementen zu verbinden. In der Reihe tradeMARK im Arsenal nahm sie, ganz entgegen ihrem früheren Misstrauen gegen Improvisationstanz, erstmals an einer öffentlichen Tanzimprovisation (gemeinsam mit Mark Tompkins und Christian Rizzo) teil - eine kleine, prickelnde Sensation abseits der großen Publikumsereignisse.

Überzeugend war auch Monniers aus vier Stücken zusammengesetzter Abend Pièces im Odeon mit zwei von der Choreografin interpretierten Soli, einem umwerfenden Tanzsolo mit Remy Héritier, Signé au singulier, und einer absolut erfreulichen Gruppenarbeit über das Springen, Sursauts (Aufsprünge). Signé au singulier, ein Ausschnitt aus einer größeren Reflexion Monniers über Merce Cunningham, stellt eine Höchstleistung in der Übersetzung von Technik und Ästhetik des 85-jährigen Meisters der amerikanischen Tanz(post)moderne in eine Struktur zeitgenössischer Bewegungsmuster dar.

Am dritten Monnier-Abend bei ImPuls, heute, Montag, im Volkstheater, zeigt die Französin ihre jüngste Arbeit, Publique, die bei ihrer Openair-Premiere vor vier Wochen beim Festival Montpellier Danse ob ihrer Qualität begeistert bejubelt wurde. Acht weibliche Teenies tanzen, als ob sie in ihrer Disco wären, zu Songs von P. J. Harvey. Doch die "Youngsters" erweisen sich bei näherem Hinsehen zum Teil als reifere Tänzerinnen. Und aus den scheinbar ausgelassenen Tanzenden entwickeln sich wechselnde, starke Frauencharaktere. Kleider werden getauscht, in unbefangenes Hüpfen und Hopsen mischen sich atemberaubend umgesetzte zeitgenössische Bewegungsphrasen.

Publique ist eine bewegungs- und repräsentationsorientierte Studie über das Privatsein im öffentlichen Tanzen. Eine köstliche Arbeit, die übrigens einen ähnlichen Diskurs verfolgt wie Anne Juren und Alice Chauchat in ihrem Duett J'aime, das demnächst bei der ImPuls-Reihe [8:tension] im Schauspielhaus zu sehen sein wird. (Helmut Ploebst/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26. 7. 2004)

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