"Weißt du, was du sah'st?"

26. Juli 2004, 19:57
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Schlingensief-Panik knapp vor der Bayreuther "Parsifal"-Premiere

Bayreuth - Der so ganz anders geartete Debussy liebte Richard Wagners Parsifal überschwänglich: Ihm erschienen die Orchesterklänge des Bühnenweihfestspiels wie Musik, die durch ein Kirchenfenster fließt. Bis gestern 16 Uhr, dem Beginn von Christoph Schlingensiefs Parsifal-Neudeutung im Festspielhaus, musste auf dem Grünen Hügel noch keine einzige Note erklungen sein, um nicht bereits das wohlige Grauen eines Premierenskandals an die Wand gemalt zu bekommen.

Trotz Schlingensiefs eloquenter Versicherung, keinen Skandal anzupeilen, drangen schon früh die ersten Unkenrufe aus der Tiefe des Bayreuther Betriebs herauf. Ausgerechnet der Sänger des Titelhelden Parsifal, der Tenor Endrik Wottrich, machte seiner Verärgerung Luft: Ihm erscheine Schlingensiefs Deutung als "Gräuel". Schlingensief habe seine künstlerische Freiheit "nicht durch künstlerische Autorität, sondern durch juristische Schachzüge wahren können" - womit Wottrich auf den Umstand anspielte, dass Festspielleiter Wolfgang Wagner und sein inszenierender Wagner-"Tor" ("durch Mitleid wissend . . .") zwischenzeitlich nur unter Hinzuziehung ihrer Anwälte miteinander verkehrten.

Wottrich möchte den Parsifal 2005 jedenfalls keinesfalls mehr singen. Wolfgang-Wagner-Tochter Katharina, dem Regisseur als Assistentin beigesellt, bekundete bereits vorab, nichts Skandalträchtiges verlauten lassen zu können. Habitués indes argwöhnten, der "Alte" (Wolfgang Wagner) habe sein als Nachfolgerin gehandeltes Töchterchen dem Wüterich als Aufpasserin vor die Nase gesetzt. Der Sprecher der Bayreuther Festspiele, Peter Emmerich, reagierte prompt auf Wottrichs Äußerungen und ließ trotz Verstimmung Milde walten: "Jeder Künstler hat das Recht, seine eigene Meinung zu sagen. Herr Wottrich spricht hier nicht für die Bayreuther Festspiele, das ist seine persönliche Angelegenheit."

"Es ist schon unüblich, dass ein Protagonist sich in der Weise öffentlich äußert", stellte Emmerich freilich auch fest. Regisseur Schlingensief hätte selbst in den vergangenen Wochen immer wieder für Gesprächsstoff gesorgt. So hatte er sich Anfang Juli nach einer Meinungsverschiedenheit mit Wolfgang Wagner zwei Tage lang krankgemeldet.

Die Vermutung, Wottrich habe die Kritik geäußert, weil er mit Katharina Wagner befreundet sei, wies Emmerich zurück: "Sie trennt private Dinge und berufliche Dinge sehr gut voneinander. Wenn sie dazu etwas sagen wollte, dann hätte sie dies auch getan." (poh/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26. 7. 2004)

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