Parteitag der Demokraten beginnt

26. Juli 2004, 18:46
4 Postings

Boston: Aufschwung für Kerry und Edwards erwartet

Am Montag beginnt in Boston der Nominierungsparteitag der US-Demokraten. Das Team Kerry/ Edwards will dort gut ins Finale des Präsidentenwahlkampfs starten.

* * *

"Boston, there's nothing conventional about it" - "An Boston gibt es nichts Herkömmliches": Mit einem etwas bemühten Wortspiel, das ihr kleingeistiges und fortschrittsfeindliches Image korrigieren soll, empfängt die Neuenglandstadt in diesen Tagen ihre Besucher. Auf dem demokratischen Nominierungsparteitag, der Convention, auf die dieser Bosten-Slogan ebenfalls anspielt, werden Senator John Kerry aus Massachusetts und sein jüngerer Kollege John Edwards aus North Carolina in dieser Woche offiziell zu den Kandidaten für die Präsidentschaftwahlen im November gekürt.

Penibel orchestriert

Das penibel orchestrierte Parteitagsgeschehen beginnt heute, Montag, mit einem Auftritt des ehemaligen Vizepräsidenten Al Gore, der 2000 in einer umstrittenen Wahl gegen Präsident George W. Bush unterlag. Es folgen Expräsidenten Jimmy Carter und Bill Clinton, sowie Senator Hillary Rodham Clinton. Krönender Abschluss ist Kerrys "Akzeptanzrede" am Donnerstag, mit dem dieser das Einverständnis zu seiner Kandidatur erklären wird.

Kerry ist in Denver geboren, hat aber den größten Teil seiner politischen Karriere in Boston erlebt, und genießt somit hier einen Heimvorteil. Mit der möglichen Ausnahme des Abgeordneten Dennis Kucinich, von dem noch unsicher ist, ob er Kerry unterstützt, werden auch alle Rivalen Kerrys aus den Vorwahlen im Fleet Center in Boston auftreten. Ein besonders spektakulärer Prime-Time-Redner ist Ron Reagan, der Sohn des kürzlich verstorbenen republikanischen Expräsidenten Ronald Reagan, der am Dienstagabend erklärt, warum er sich für den Demokraten John Kerry entschieden hat.

Scharfe Sicherheitsvorkehrungen

Der demokratische Parteitag in Boston ist der erste nach den Anschlägen des 11. September 2001 - entsprechend scharf sind die Sicherheitsvorkehrungen. Seit Tagen durchkämmen Polizisten und Soldaten das Fleet Center und seine Umgebung peinlichst genau. Betonreiter und Zäune schotten das Gebäude nach außen hin ab und Flugzeuge der Airforce sollen dafür sorgen, dass keine böse Überraschung aus der Luft kommt.

Den etwa 70 angemeldeten Demonstrantengruppen, die die Publizität des Ereignisses nutzen wollen, um sich gegen die Abtreibung oder den Irakkrieg zu äußern, wurden von den Behörden Protestplätze in exakt ausgeklügelten Sicherheitsabständen zum Fleet Center zugewiesen.

Einigung auf den Kandidaten

Bis zum Jahr 1952 waren es tatsächlich die Nominierungskonvente, bei denen über die Person des Präsidentschaftskandidaten entschieden wurde. Die Demokraten benötigten damals drei Durchgänge, um sich auf Adlai Stevenson zu einigen. Die Entscheidung über die Personen ist mittlerweile in die diversen Vorwahlen zurückverlagert worden - dass die Kandidaten 2004 Kerry und Edwards heißen, steht somit schon vor dem Convent fest. Das heißt nun allerdings keineswegs, dass die Parteitage in die politische Bedeutungslosigkeit versunken wären.

Von den Wahlstrategen der Republikaner und Demokraten werden sie als eine Art gigantischer "Informertials" benützt, um die ersehnte Medienöffentlichkeit für ihre Kandidaten und Anliegen zu aktivieren. Bei etwa 7000 in Boston akkreditierten Journalisten sollte das auch keine wirkliche Schwierigkeit sein. Vom "Convention Bounce", dem traditionell auf die Parteitage folgenden Aufschwung in den Meinungsumfragen ersehnt man sich, dass er langfristig in Wählerstimmen umgemünzt werden kann.

Psychologisches Wunder

Insgeheim hoffen die Demokraten auf eine Wiederholung des psychologischen Wunders, das sich 1992 auf dem Parteitag in New York begeben hatte: Damals schaffte es der wenig bekannte Gouverneur von Arkansas, Bill Clinton, sich so gekonnt in der US-Öffentlichkeit in Szene zu setzen, dass er einen unaufholbar wirkenden Rückstand auf den Amtsinhaber George Herbert Bush wettmachen konnte.

Zwischen dem jungen Bush und John Kerry steht es in den meisten Umfragen immer noch mehr oder weniger unentschieden. In einer USA To- day-Umfrage vom Samstag punktete Kerry vor allem bei den Themen Wirtschaft, Erziehung und Gesundheitswesen. Bei der Terrorismusbekämpfung aber hat Bush immer noch bei weitem die Nase vorn: 56 Prozent der Befragten glauben, dass Bush diese Gefahr besser im Griff habe als Kerry, nur 36 Prozent sind der gegenteiligen Ansicht. An der Botschaft, dass man ihm als unnachgiebigen Terrorbekämpfer voll und ganz vertrauen kann, wird Kerry in den nächsten Tagen in Boston noch hart arbeiten müssen. (DER STANDARD, Printausgabe 26.7.2004)

Von Christoph Winder aus Boston
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Hand aufs Herz: John Kerry (links) und sein Running Mate John Edwards müssen vor allem in der Terrorbekämpfung an Glaubwürdigkeit gewinnen.

Share if you care.