Mazedonische Nagelprobe

25. Juli 2004, 19:21
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Nun wird es endlich ernst mit der Umsetzung des Abkommens von Ohrid - ein Kommentar von Gerhard Plott

Bisher galt Mazedonien immer als schönes Beispiel dafür, wie Europas Militärmacht und Geld am Balkan den Frieden garantieren können. Tatsächlich schienen die einst blutigen Konflikte zwischen albanisch- und slawischstämmigen Mazedoniern seit dem Friedensvertrag von Ohrid im Jahr 2001 langsam aber sicher einzuschlafen. Das Land verschwand aus den Schlagzeilen und die EU verbuchte diese Ruhe auf der diplomatischen Habenseite. Besonders EU-Chefdiplomat Javier Solana sauste beim kleinsten Anzeichen von Schwierigkeiten wie ein Kugelblitz durch Mazedonien, Europa schien dort nicht mehr auf US-Unterstützung angewiesen zu sein.

Jetzt kommt allerdings die Nagelprobe. Im Abkommen von Ohrid wurde eine neue Kommunalordnung festgelegt, die mit einem Schlag die Anzahl der Gemeinden halbiert, sowie Mehrsprachigkeit und eine weit reichende Selbstverwaltung der Kommunen garantiert. Beide mazedonischen Volksgruppen hatten damals zugestimmt. Nun wird es endlich ernst mit der Umsetzung, weil nach dem Ohrid-Abkommen die Ordnung bis 7. August beschlossen werden muss, damit im Oktober Gemeindewahlen abgehalten werden können.

Doch was geschieht? Auf albanischer Seite meldet sich eine obskure "Befreiungsarmee" und ruft zum "endgültigen Kampf" gegen Skopje auf. Und - wie in kommunizierenden Gefäßen - brodelt plötzlich der Widerstand der slawischen Nationalkonservativen. Sie orten "Hochverrat" und rufen zu Protesten auf, wohl wissend, dass diese schnell in blutige Unruhen umschlagen können. Das Land könnte dann entlang seiner ethnischen Trennlinien zerbrechen und zum Vorbild aller unbelehrbaren Sezessionisten am Balkan werden. Und der Traum von der friedensschaffenden Kraft der EU wäre wieder einmal ausgeträumt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 26.7.2004)

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