STANDARD-Interview mit Forsa-Chef Güllner: "Toleranzschub durch Rot-Grün"

27. Juli 2004, 13:37
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Der Chef des deutschen Meinungsforschungsinstituts Forsa, Manfred Güllner, hat Auswirkungen von Politiker-Outings auf die Wähler analysiert

STANDARD: Wie kommt das Outing eines Politikers bei den Wählern an?

Güllner: Es schadet nicht und kümmert auch niemanden. Die Menschen sagen nicht, Guido Westerwelle ist schlechter nach seinem Outing oder besser. Das hat überhaupt keinen Einfluss auf die Bewertung der Arbeit eines Politikers. Wir haben das bereits bei Klaus Wowereit und Ole von Beust gesehen. Es hat beiden nicht geschadet.

STANDARD: Seit wann ist das so?

Güllner: Es hat sich im Laufe der Jahre in Deutschland eine Menge geändert. Das ist auch eine Folge der Politik von Rot-Grün. Es gab nach 1998 einen Toleranzschub. Die Einführung der Homoehe hat dazu beigetragen. Das ist inzwischen voll akzeptiert.

STANDARD: Wowereit war der erste Spitzenpolitiker, der sich öffentlich als Schwuler geourtet hat. War er ein Eisbrecher?

Güllner: Er war mutig. Er hat sicher gespürt, dass die Zeit so ist, dass man das gefahrlos machen kann. Er ist in die Offensive gegangen und hat damit Zeichen auch für andere gesetzt.

STANDARD: Ist der Zeitpunkt von Westerwelles Schritt für Sie überraschend?

Güllner: Westerwelle hätte das auch vor vier Jahren nicht geschadet. Warum er den Zeitpunkt gewählt hat, weiß ich nicht. Die ihn vorher gut fanden, finden ihn jetzt auch gut.

STANDARD: Werden Outings konservativer Politiker von Anhängern anders beurteilt?

Güllner: Nein. Das konnte man in Hamburg sehen. Die rechtspopulistischen früheren Schill-Wähler sind fast vollständig zur CDU gewechselt, obwohl Ole von Beust zuvor seine Homosexualität bekannt gegeben hat. Genauso spielt es keine Rolle, ob Gerhard Schröder oder Joschka Fischer nun die vierte oder zehnte Ehefrau haben. Natürlich schauen die Leute hin, wenn Außenminister Fischer seine neue Freundin in der Öffentlichkeit präsentiert, genauso wie man sich Westerwelles Partner anschaut. Aber Fischer ist auch nach der vierten Scheidung nach wie vor der beliebteste Politiker in Deutschland. Das Urteil über die Arbeit der Politiker wird durch deren Privatleben überhaupt nicht beeinflusst. (afs, DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 26.7.2004)

Zur Person

Manfred Güllner (62) ist Diplomkaufmann, Gründer und Geschäftsführer der Forsa-Gesellschaft für Sozialforschung.

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