Nach dem Outing die Offensive

27. Juli 2004, 13:37
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Immer mehr europäische PolitikerInnen bekennen sich zu ihrer homo­sexuellen Orientierung - Die Öffentlichkeit reagiert meist entspannt

Erst seit vergangenem Mittwoch weiß die Öffentlichkeit, dass der Chef der deutschen Liberalen, Guido Westerwelle, einen Mann liebt. Wenige Tage nach seinem Outing geht Westerwelle politisch in die Offensive: Er fordert mehr Rechte für Lesben und Schwule wie die Gleichstellung bei Adoptionen und Steuerbelangen. In einem Interview im heute, Montag, erscheinenden Hamburger Magazin "Der Spiegel" nehmen sein Outing und seine Forderungen zur Stärkung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften mehr als zwei Seiten ein.

Unmissverständlich ist seine Warnung an die CSU, als deren Koalitionspartner - gemeinsam mit der CDU - die FDP 2006 in den Wahlkampf zieht: Fortentwicklungen gegen die Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften können "nicht zurückgedreht werden", stellt Westerwelle klar: "Das gilt auch für die nächste Bundestagswahl."

Mediengerechte Inszenierung

Westerwelle ist nicht der erste deutsche Politiker, der sich zur Homosexualität bekennt. Überraschend ist, wie dieses Outing mediengerecht inszeniert wurde. Der 42-Jährige brachte jüngst seinen Lebensgefährten Michael Mronz zu einem Abendessen in kleinerem Kreis mit dem neuen Bundespräsidenten mit und brachte es zu einer Spiegel-Randnotiz. Dann kam er mit seinem Partner vergangene Woche zur Geburtstagsparty von CDU-Chefin Angela Merkel. Wie Fotografen später überrascht berichteten, posierte er regelrecht mit dem Mann an seiner Seite.

Als die Bild-Zeitung "Westerwelle liebt diesen Mann" als Titelmeldung brachte, sonst aber eher unaufgeregt berichtete, sei Westerwelle nach Angaben aus FDP-Kreisen erleichtert gewesen. Westerwelle will Vizekanzler oder Außenminister in einer schwarz-gelben Regierung werden. Deshalb sollte die Öffentlichkeit lieber zwei Jahre vor der Wahl mehr über sein Privatleben erfahren, hieß es.

Kein Geheimnis

Im Polit- und Medienbereich war es kein Geheimnis. Ex-Grünen-Chef Fritz Kuhn fordert ihn öffentlich sogar einmal auf, zu seiner Homosexualität zu stehen - was Kuhn jede Menge Ärger einbrachte. Westerwelle provozierte immer wieder Journalisten mit der Aufforderung, ihn doch zu outen, was aber nicht geschah.

Medien brachten dagegen Klaus Wowereit in Zugzwang. Weil die Bild-Zeitung und ein Szeneblatt im Juni 2001 mit einer Enthüllung drohten, habe er sich zum Outing entschlossen, so Wowereit. Unmittelbar vor der Nominierung zum SPD-Spitzenkandidaten für die Wahl in Berlin sagte er: "Ich bin schwul, und das ist auch gut so." Dieser Satz erreichte Kultstatus. Inzwischen repräsentiert Wowereits Partner Jörn Kubicki ganz selbstverständlich an der Seite des Berliner Bürgermeisters.

Schill versuchte Hamburger Bürgermeister zu erpressen

Vergangenen Sommer versuchte der Rechtspopulist Ronald Schill den Hamburger Bürgermeister Ole von Beust mit dessen Homosexualität zu erpressen. Schill warf dem CDU-Politiker vor, seinen Lebenspartner zum Justizsenator gemacht zu haben. Beust warf Schill raus und setzte Neuwahlen an. Das Outing übernahm sein Vater: In einem Interview plauderte er aus, wo Beusts Partner lebe und dass "Ole schon immer den Jungs hinterhergeschaut hat". Beust sagte, er habe "einen gehörigen Schreck" bekommen. "Aber es hat den Vorteil, dass ich jetzt sagen kann, mein Vater hat dazu schon alles gesagt."

Westerwelle und von Beust haben im konservativen Lager Verbündete. Seit kurzem gibt es die LSU, die sich "als Interessenvertretung für Lesben und Schwule in der CDU und CSU" versteht. Die LSU fordert entgegen der Parteilinie "die gesetzliche Vollendung des Lebenspartnerschaftsgesetzes" von Rot-Grün - wie Westerwelle. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 26.7.2004)

Von Alexandra Föderl-Schmid
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    Guido Westerwelle machte von seinem eigenen Wahlspruch Gebrauch und bekannte sich zu seinem Schwul-Sein.

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