Trotz Widerstand: Sharon hält an Gaza-Rückzugsplan fest

28. Juli 2004, 07:11
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Regierung will Siedlern Entschädigung für Häuser-Räumung bieten - 130.000 Israelis hatten mit Menschen­kette protestiert

Jerusalem/Ramallah - Ungeachtet massiver Proteste hält Israels Regierungschef Ariel Sharon an seinem Gaza-Rückzugsplan fest, der von der Hälfte der Mitglieder des Zentralkomitees und der Parlamentsfraktion seines Likud-Blocks abgelehnt wird. Zu seinem Vorhaben gebe es keine Alternative, sagte Sharon nach Angaben seines Büros vom Montag beim Besuch einer Offiziersschule. Israel könne nicht ewig im Gaza-Streifen bleiben. Ohne den Abzug würden die Wirtschafts- und Sicherheitsinteressen Israels gefährdet. Die Tageszeitung "Haaretz" berichtete am Montag, die israelische Regierung wolle den Siedlern im Gaza-Streifen Entschädigungsmöglichkeiten für die Räumung von Häusern anbieten. Am Sonntag hatten 130.000 Israelis mit einer 90 Kilometer langen Menschenkette zwischen Jerusalem und dem Gaza-Streifen gegen Sharons Räumungsabsicht demonstriert.

Widerstand

Sharons Plan stößt bei Konservativen auf erbitterten Widerstand. Auch im Likud-Block hat der Ministerpräsident keine Mehrheit. In einem Parteireferendum am 2. Mai hatten 60 Prozent der Likud-Mitglieder den Plan verworfen, der vorsieht, bis September 2005 alle 21 jüdischen Siedlungen im Gaza-Streifen aufzulösen und die israelische Armee von dort abzuziehen. Gleichzeitig sollen große Siedlungsblöcke im Westjordanland ausgebaut und praktisch annektiert werden.

Außenminister Silvan Shalom versammelte am späten Sonntagabend tausend Likud-Mitglieder in Tel Aviv. Sie bekundeten ihre entschiedene Ablehnung einer Koalition mit der Arbeiterpartei. Shalom würde im Fall einer Koalition seinen Posten verlieren, weil die Arbeiterpartei bereits Anspruch auf das Außenministerium für ihren Vorsitzenden Shimon Peres erhoben hat. Sharon ließ nach Presseberichten durchblicken, dass er sich so oder so von Shalom trennen könnte, da er nicht länger tolerieren wolle, dass der Außenminister gegenüber dem Ausland die Position der Regierung vertrete, die er zugleich von innen her angreife. Shalom ist ebenso wie Finanzminister und Ex-Premier Benjamin Netanyahu massiv gegen Sharons Gaza-Abzugsplan aufgetreten.

Beschuss mit Granaten

Im Gaza-Streifen wurde am Sonntagabend die größte jüdische Siedlung Neve Dekalim mit Granaten beschossen. Sechs Kinder wurden verwundet, als sie im Gemeindezentrum spielten. Nach dem Angriff eröffnete die israelische Armee mit Maschinengewehren und Panzern das Feuer auf die nahe gelegene palästinensische Stadt Khan Yunis. Dabei soll eine 50-jährige behinderte Frau getötet worden sein, mindestens neun Menschen wurden verletzt. Ein israelischer Kampfhubschrauber feuerte nach dem Angriff zwei Raketen auf ein Haus in Gaza ab. Nach palästinensischen Angaben wurde ein Passant verletzt.

Sechs Tote in Tulkarem

Bei einer Schießerei mit israelischen Sicherheitskräften wurden am Sonntagabend in Tulkarem im Westjordanland sechs Palästinenser getötet. Nach einem Bericht des israelischen Militärrundfunks gehörten sie der Fatah-Splittergruppe "Al-Aksa-Märtyrerbrigaden" an. Bei zwei Männern habe es sich um örtliche Führer der Gruppe gehandelt, unter den Toten sei auch ein 18-jähriger Passant. Es war der blutigste Zwischenfall im Westjordanland seit einem Monat. Die israelische Armee hat in der Nacht auf Montag im Westjordanland 18 Palästinenser festgenommen. Sie würden der Beteiligung an antiisraelischen Anschlägen verdächtigt, teilte das Militär mit. (APA/AP)

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    Die Demonstranten bildeten eine 90 Kilometer lange Menschenkette.

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