Neuerscheinung zeichnet Debatte um NS-Entschädigungen nach

29. Juli 2004, 14:18
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"Hitlers langer Schatten": "Amerikanisierung des Holocaust" und "Verrechtlichung der Geschichte" durch Sammelklagen als Voraussetzung für Debatte der neunziger Jahre

Wien - Mit Hilfe von Politik, Gerichten, Anwälten und Geld ist in den vergangenen Jahren der Versuch unternommen worden, Gerechtigkeit zu schaffen und späte "Wiedergutmachung" für die Opfer des Nazi-Regimes zu leisten. Gegipfelt haben diese Bemühungen - für Österreich - in den Abkommen zur Zwangsarbeiter-Entschädigung und zur Restitution von Vermögenswerten. Der "Kurier"-Journalist Christian Thonke hat nun versucht, die Hintergründe der Entwicklung bis zu den Abkommen in Buchform nachzuzeichnen und zu analysieren.

"Hitlers langer Schatten. Der mühevolle Weg zur Entschädigung der NS-Opfer" hat er sein "Guidebook durch eines der faszinierendsten Themen der jüngeren Geschichte" genannt. Thonke versucht, die Debatte um "Wiedergutmachung" für die Nazi-Verbrechen von ihren Anfängen weg darzustellen. Diese Anfänge reichen beinahe so weit zurück wie die Verbrechen selbst. Bereits im Oktober 1939 hat Shalom Adler-Rudel, der sich mit Fragen der Flüchtlingshilfe befasste, in England ein Memorandum zur Sammlung genauer Informationen bezüglich jüdischer Ansprüche auf Entschädigung in Deutschland verfasst.

Wellen

Die erste Welle an Entschädigungs-Forderungen erreichte die "Täter"-Länder Bundesrepublik Deutschland, DDR und Österreich dann nach 1945. Auf der Seite der Opfer führten jüdische Organisationen die Verhandlungen. Sie waren mehr an der kollektiven Entschädigung und dem Wiederaufbau jüdischer Gemeinden in Europa interessiert als an individuellen, privaten Ansprüchen.

Dies sollte sich in der zweiten Welle, der Debatte um die "Holocaust Era assets", also um die Vermögenswerte der Holocaust-Ära, ändern. Thonke beschreibt, dass sowohl Täter als auch Opfer "entgrenzt" wurden. Als Täter wurden nicht mehr nur die Nachfolgestaaten des "Dritten Reichs" angesprochen, sondern auch Firmen und Staaten, die - wie die Schweiz - auf den ersten Blick mit den NS-Gräueln nichts zu tun hatten. "Entgrenzt" wurden aber auch die Opfer: Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs hatten plötzlich auch die ehemaligen Zwangsarbeiter in den Staaten des früheren Ostblocks die Möglichkeit, ihre Ansprüche anzumelden.

Zudem haben die jüdischen Organisationen wie "Claims Conference" und "Claims Committee" ihr Verhandlungsmonopol verloren. In den Vordergrund rückten Anwälte wie Ed Fagan, Michael Hausfeld und Melvyn Weiss, die private Ansprüche mit Sammelklagen vertreten und die Medien beherrscht haben.

Diese Sammelklagen bzw. die damit verbundene "Verrechtlichung der Geschichte" macht Thonke als ein wesentliches Merkmal der Debatte der vergangenen Jahre aus. Als eine wesentliche Voraussetzung nennt er die "Amerikanisierung des Holocaust": Ein europäisches Ereignis hat - spätestens mit der Fernseh-Serie "Holocaust" - eine amerikanische Dimension und zunehmende Bedeutung bekommen. (APA)

Christian Thonke, "Hitlers langer Schatten. Der mühevolle Weg zur Entschädigung der NS-Opfer", Böhlau Verlag, 179 Seiten brosch., 24,90 Euro, ISBN 3-205-77201-6
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