Türkei: Lokführer nach Zugsunglück in Haft

25. Juli 2004, 21:37
posten

Soll zu schnell gefahren sein

Istanbul - Nach dem schweren Bahnunglück in der Türkei sind die beiden Lokführer und der verantwortliche Zugbegleiter unter dem Vorwurf der fahrlässigen Tötung in Untersuchungshaft genommen worden. Ihnen drohen bei einer Verurteilung bis zu zehn Jahre Haft, berichteten türkische Medien am Sonntag. Bei der Zugkatastrophe auf der erst vor wenigen Wochen eröffneten Schnellstrecke zwischen Istanbul und Ankara wurden nach jüngsten Regierungsangaben 37 Menschen getötet. Fast 100 Passagiere wurden verletzt, als der Zug am Donnerstagabend rund 150 Kilometer hinter Istanbul entgleiste, Waggons umstürzten und sich ineinander verkeilten.

Wegen unterschiedlicher Angaben zur tatsächlichen und zur erlaubten Geschwindigkeit am Unfallort waren Verkehrsminister Binali Yildirim und Bahn-Generaldirektor Süleyman Karaman stark unter Druck geraten. Sie hatten nach dem Unfall angegeben, der Zug sei mit 118 statt den vorgegebenen 80 km/h gefahren. Dagegen heißt es in einem Bahn-Handbuch, das am Samstag auszugsweise veröffentlicht wurde, dass an der Stelle 130 Stundenkilometer zulässig seien. Der Lokführer habe zu spät und abrupt gebremst, hieß es in einigen Berichten. "Irgendjemand sagt hier nicht die Wahrheit", titelten türkische Zeitungen.

"Sündenböcke"

Verkehrsminister Yildirim kündigte die Bildung einer unabhängigen Untersuchungskommission an, zu der auch Experten aus Deutschland in die Türkei geladen wurden. Die Gleise an der Unglücksstelle wurden noch vor der Bergung der entgleisten Waggons komplett erneuert. Bahngewerkschaften und Konsumentenschützer kündigten am Wochenende Anzeigen gegen die Verantwortlichen von Bahn und Regierung an. Die angeklagten Zugführer sollten als "Sündenböcke" herhalten, hieß es unter anderem.

Experten hatten die Regierung bereits vor Inbetriebnahme des Schnellzuges am 4. Juni vor einer Tragödie gewarnt: Die rund 100 Jahre alten Gleise seien nicht stabil genug für moderne Schnellzüge. Auf der nach ihrer Ansicht überhastet freigegebenen Strecke war anfangs eine Höchstgeschwindigkeit von 160 Stundenkilometern erlaubt. Diese war jedoch schon bald wieder leicht reduziert worden, weil auf einigen Streckenabschnitten Geschirr im Speisewagen klapperte. (APA/dpa)

Share if you care.