Russland: Schlag gegen Internet-Erpresser

31. Juli 2004, 17:21
2 Postings

Monatelang wurden Glücksspieldienstleister im Internet durch Serverattacken erpresst - Nun wurden drei Russen verhaftet

Die Aufdeckungsrate der Internetkriminalität nimmt sich bescheiden aus. Nur zwölf Prozent der weltweiten Straftaten sind Experteneinschätzungen zufolge den Sicherheitsorganen bekannt. Aber nicht nur vor diesem Hintergrund werten Kriminalisten als Erfolg, was ihnen in internationaler Kooperation britischer, baltischer, russischer und amerikanischer Sicherheitsorgane sowie betroffener Firmen am Mittwoch gelang: In den russischen Städten St. Petersburg, Saratov und Stavropol verhaftete die russische Polizei drei Bandenführer, die an großflächigen Erpressungsversuchen beteiligt sein sollen.

Anfang 20

Die drei jungen Männer sind Anfang 20. Weitere Verhaftungen stehen angeblich bevor. Die Verhafteten werden der Versuche verdächtigt, mittels DDoS-Attacken Websites lahm zu legen.

Bis zu 50.000 Dollar

Seit Monaten wurde beobachtet, dass britische Glücksspielseiten gerade im Zuge der Fußball-Europameisterschaft vermehrt solchen Angriffen ausgesetzt waren. Im Anschluss an die Attacken wurde Websitebesitzern via E-Mail angeboten, sich mit Geldüberweisungen in der Höhe von bis zu 50.000 Dollar freizukaufen. Allein durch die Attacken entgingen den Dienstleistern Millionen von Euro. In Mitleidenschaft gezogen waren freilich nicht nur britische Glücksspielanbieter, sondern auch große Spielzentren in der Karibik und in Australien.

Erster Leidtragender der Angriffe war die englische Firma Canbet.com. Nach Angaben der Financial Times wurde der Firma von der britischen Polizei geraten, die geforderte Summe zu zahlen. Wie die Kriminalisten in weiterer Folge beobachten konnten, bewegte sich der Geldfluss von London über die Karibik nach Lettland, um von dort schließlich nach Russland zu gelangen.

Herkunftsweg einer Erpressermail

Zudem konnten die Ermittler den Herkunftsweg einer Erpressermail rekonstruieren, der sie zu einem 21-jährigen Studenten, der in der Wolgastadt Saratov in einem Computergeschäft jobbte, führte. Zuvor hatte es schon im vergangenen November in der lettischen Hauptstadt Riga nach einigen Verhaftungen mutmaßlicher Geldwäscher aus dem Drogenhandel konkrete Informationen gegeben, wie die Internet-Erpresser die Gelder erhalten wollten.

Auf diese Weise ging den Fahndern nun ein 24-jähriger mutmaßlicher Geldwäscher aus dem südrussischen Stavropol ins Netz. Die Verbrecherbande wird verdächtigt, zumindest teilweise von der organisierten Kriminalität koordiniert worden zu sein.

OK

Wie Jewgeni Kasperski, Chef der russischen Antivirenfirma Kasperski-Labs, gegenüber dem STANDARD erklärte, nimmt die organisierte Kriminalität vermehrt die Dienste von Computerspezialisten in Anspruch, um durch überlastende Massenattacken auf einen Internetdienst diesen damit anschließend zu erpressen. Neben den Fällen in England wurde heuer zumindest einer in Österreich registriert.

Zigtausende Computer mit speziellen "trojanischen" Programmen

Um eine - wie von den Verhafteten ausgeführte - DDoS-Attacke (Distributed Denial of Service) zu starten, infizieren Webgangster zuerst Hunderte bis Zigtausende Computer mit speziellen "trojanischen" Programmen. Auf Befehl besuchen diese gleichzeitig die Internetseite des Opfers, die mit dem überhöhten Zustrom nicht mehr zurechtkommt und damit für Stunden auf etwaige Kundenanfragen äußerst langsam oder gar nicht mehr reagiert. (Eduard Steiner aus Moskau, DER STANDARD Printausgabe, 24. Juli 2004)

Share if you care.