Keine russischen Friedenstruppen

26. Juli 2004, 09:55
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Russland lehnt Bitte um Truppenentsendung unmissverständlich ab - Lawrow: Moskau schließt wirtschaftliche Hilfe nicht aus

Moskau - Russland hat die Bitte der irakischen Übergangsregierung um Entsendung von Friedenstruppen strikt abgelehnt. Nach einer Unterredung mit dem irakischen Außenminister Hoshiyar Zebari sagte Außenminister Sergej Lawrow in Moskau: "Derartige Pläne haben wir nicht". Der russische Verteidigungsminister Sergej Iwanow bezeichnete Gerüchte über Geheimverhandlungen mit den USA über eine Truppenentsendung als "totalen Blödsinn". Die russische Regierung dementierte auch, dass es ein formelles irakisches Gesuch gebe.

Der irakische Außenminister hatte bei seiner Ankunft am Samstag noch die Hoffnung auf eine militärische Kooperation geäußert. "Wir brauchen russische Friedenstruppen", sagte Zebari nach Angaben der Nachrichtenagentur Interfax. Die russische Seite zeigte sich bereit, dem Irak in anderen Bereichen zu helfen. Möglich sei eine wirtschaftliche Unterstützung oder aber Hilfe bei der Umschuldung der irakischen Verbindlichkeiten gegenüber dem Ausland. "Ein solcher Beitrag ist nicht weniger Wert als eine Beteiligung an den multinationalen Truppen", betonte Außenminister Lawrow. Zebari versicherte seinen russischen Gesprächspartnern, Bagdad sei zu Verhandlungen über die Wiederaufnahme der Zusammenarbeit mit Russland in der Erdölbranche bereit. Im Frühjahr hatten noch etwa 800 Experten für russische Unternehmen im Irak gearbeitet. Nach mehreren Entführungen mit Todesopfern hatte die Mehrzahl der Russen und Ukrainer das Land verlassen.

US-Medien hatten in den vergangenen Tagen berichtet, Washington und Moskau verhandelten über die Entsendung von insgesamt 40.000 russischen Soldaten in den Irak. Im Gegenzug dürfe die russische Energiewirtschaft auf lukrative Aufträge im Irak hoffen, hieß es unter Berufung auf anonyme Quellen im russischen Sicherheitsrat. Als ein Argument wurde die Kampferfahrung der russischen Streitkräfte in der islamisch geprägten nordkaukasischen Teilrepublik Tschetschenien genannt.

Westliche Militärexperten in Moskau halten es für äußerst unwahrscheinlich, dass Präsident Wladimir Putin ein derart hohes Risiko eingehen könnte. In der Russischen Föderation ist nach Schätzungen jeder achte Bürger moslemischen Glaubens. Die russischen Streitkräfte haben es seit zehn Jahren nicht geschafft, die Lage im Nordkaukasus unter Kontrolle zu bringen. Die auf mehrere zehntausend Mann geschätzte Armee in Tschetschenien ist nach Einschätzung ausländischer Experten im Wesentlichen damit beschäftigt, sich selbst und wirtschaftliche Interessen zu schützen.

Im Juni hatte Lawrow an der Außenministerkonferenz der Islamischen Konferenz-Organisation (OIC) in Istanbul teilgenommen. Russland hat den Beobachterstatus bei der OIC beantragt, an deren Gipfel im Oktober des Vorjahres in Malaysia Präsident Putin als Gast teilgenommen hatte. Dort hatte er betont, der Islam dürfe nicht als Quelle des Terrorismus gesehen werden. Zugleich hatte er versprochen, sich um eine friedliche Lösung in Tschetschenien zu bemühen. Die "Organisation der Islamischen Konferenz" hat 57 Vollmitglieder - von Senegal in Westafrika bis Indonesien - mit insgesamt rund 1,5 Milliarden Menschen. Auch die zentralasiatischen Ex-Sowjetrepubliken sind der Organisation beigetreten. (APA)

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