Ethische Konflikte am Anfang des Lebens

29. Juli 2004, 12:37
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Für den Theologen Ulrich Körtner ist Bioethik eine Frage der moralischen und der gesellschaftlichen Akzeptanz - STANDARD-Interview

STANDARD: Präimplantationsdiagnostik (PID) ist der Gentest an Zellen im Reagenzglas bevor sie in den Mutterleib eingesetzt werden. Nur ein geringer Prozentsatz der Bevölkerung kommt in die Lage, davon Gebrauch zu machen. Wird die Bioethik-Diskussion zu hypothetisch?

Körtner: Die Fallzahlen sagen nichts über die Dimension der gesellschaftspolitischen Diskussion. Die Kritiker haben die Sorge, dass durch die Zulassung von PID ein behindertenfeindliches Klima entstehen könnte. Viele von ihnen nehmen aber auch für sich in Anspruch, aus der Sicht aller Betroffenen zu sprechen. Dabei stehen Betroffene gegen Betroffene: Es gibt Hochrisikopaare, die schon einen Leidensweg hinter sich haben, und sich daher eine solche Diagnose wünschen würden.

Der medizinischen Möglichkeit PID muss jedenfalls eine rechtliche Regelung gegeben werden. Die Frage ist, ob es in der bestehenden Rechtsordnung ein Totalverbot schlüssig wäre. Die Mehrheit der Kommission ist der Meinung, dass sich das schwer argumentieren lässt, wenn gleichzeitig innerhalb der Fristenlösung ohne Angabe von Gründen binnen drei Monaten straffrei abgetrieben werden darf, und bei embryopathischer Indikation, wo der Verdacht besteht, es könnte eine schwere genetische Schädigung am Embryo vorliegen, auch danach.

STANDARD: Und wo stehen Sie, als christlicher Theologe?

Körtner: Die Unterscheidung zwischen lebenswertem und lebensunwertem Leben widerspricht einer christlichen Ethik. Es gibt aber ethische Konflikte am Lebensanfang, die nur im Geist der Liebe und der Barmherzigkeit bewältigt werden können. Außerdem müssen wir unterscheiden zwischen Recht und Moral. Als Theologe muss ich mich der Herausforderung stellen, dass einerseits meine Moralauffassung in dieser Gesellschaft zur Geltung gebracht werden darf, damit ich nach ihr leben kann. Andererseits muss ich den weltanschaulichen Pluralismus respektieren. Die Rechtsordnung hat die Aufgabe, den Rechtsfrieden herstellen. Und der kann nur bestehen, wenn Gesetze auf breite Akzeptanz stoßen. Die Frage ist also, ob wir hinreichende Gründe haben, notfalls mit allen Mitteln des Strafrechts ein Verbot von PID zu erzwingen.

STANDARD: Welchen Rechtsstatus haben Embryonen in Österreich?

Körtner: Verfassungs- und grundrechtlich haben sie nicht denselben Status wie eine geborene Person. Unzulässigerweise werden von Gegnern der PID manchmal auch Argumente aus dem deutschen Verfassungsrecht herangezogen. Dort wurde erklärt, dass Bestimmungen des Grundgesetzes zu Menschenwürde und uneingeschränktem Lebensschutz auch schon auf das vorgeburtliche Leben anzuwenden seien. Ab der Verschmelzung der Zellkerne besteht ein neues Individuum, heißt es. Die österreichische Verfassung definiert aber ein Embryo keineswegs als Person. Wohl ist die europäische Menschenrechtskonvention Bestandteil der Verfassung, die das Recht auf Leben garantiert. Nach höchstrichterlichen Erkenntnissen gilt dieser jedoch nur für das geborene Leben.

STANDARD: Wer oder was ist dann der Embryo "in vitro" im Reagenzglas vor der Einpflanzung im Mutterleib?

Körtner: Ob es sich um einen Zellhaufen handelt oder um ein Individuum, ist rechtlich nicht festgelegt. Das bedeutet: Wenn jemand eine von acht Zellen aus der Petrischale entnimmt, um sie zu untersuchen, könnte man sagen: Allein die Trennung bedeutet Splitting und demnach sind es fortan zwei Menschen. Oder aber man sagt: Untersucht wird nur eine seiner Teile. Ob es sich bei den entnommenen Zellen um weitere "Individuen" oder nur Teile handelt, hängt also rein von der Intentionen meiner Handlung ab: Sie beeinflusst den Status des Embryos. Wir haben es daher mehr mit Deutungen zu tun, als wir empirische Erfahrung haben.

STANDARD: Die Bioethikkommission plädiert klar für die Zulassung von PID. Es werden aber auch noch weitere Indikationen überlegt.

Körtner: Die Mehrheit hat klare Empfehlungen. PID soll ausdrücklich zugelassen sein, wenn es um nicht-überlebensfähige Embryonen geht. Denn wenn man nicht-überlebensfähige Embryonen transferiert wird frau gar nicht erst schwanger. Es gibt Leute, bei denen es wiederholt zu Fehlschlägen kommt, die möglicherweise genetische Ursachen haben. Auch sie sollten PID in Anspruch nehmen können. Routinemäßige PID wird jedoch abgelehnt. Eine weitere Empfehlung betrifft schwere genetische Anomalien, bei denen Spätabtreibungen bis kurz vor der Geburt schon jetzt legal durch geführt werden dürfen. Zwischen legalen Spätabtreibungen und einem Totalverbot der PID besteht eine gesetzliche Schieflage. Generell ist die derzeitige Praxis der PND (Pränatalen Diagnostik) zu überdenken und die Beratung zu verbessern, damit der Schwangerschaftsabbruch kein Regelfall ist.

STANDARD: Foeten mit Down-Syndrom können nach einer Fruchtwasseruntersuchung in der 12. bis 14. Schwangerschaftswoche abgetrieben werden. Wenn mit PID ein solcher genetischer Defekt entdeckt würde, würde man den Achtzeller vielleicht nicht einsetzen. Sind die Vorbehalte der Behindertenverbände da nicht verständlich?

Körtner: Ja. Down-Syndrom ist für mich persönlich kein Abtreibungsgrund. Jedoch empfiehlt die Mehrheit der Kommission, PID sollte auch für Paare zugelassen werden, die die Veranlagung haben, ein Kind mit schwerer genetisch bedingter Erkrankung zu bekommen, das durchaus lebensfähig wäre, wobei wir hier vermieden haben, eine Liste von Krankheiten aufzustellen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24./25. 7. 2004)

ZUR PERSON:
Ulrich Körtner (46) ist Vorstand des Wiener Universitätsinstituts für Ethik und Recht in der Medizin, Vorstand des Instituts für Systematische Theologie an der Universität Wien und Mitglied der österreichischen Bioethikkommission.

Das Interview führte Eva Stanzl
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