Eine Frage der Lehre

2. September 2004, 18:49
posten

Die katholische Kirche hat ein Nachwuchsproblem, das bestreitet niemand mehr - von Petra Stuiber

Wenn sich Pfarrer Franz Bierbaumer um das Wohl seiner Schäfchen sorgt, braucht er nur den neuesten Feuerwehr-Kalender aufschlagen. Da hat er sie alle vor sich in ihrer ganzen Pracht: Muskel-bepackt und kraftstrotzend von der gegelten Haarspitze bis zum eingeölten Waschbrettbauch. Franz Bierbaumer ist Seelsorger der Wiener Feuerwehr - und das schon seit sieben Jahren. Macho-Sprüche hat der 40-jährige von den Feuerwehrmännern schon viele gehört. Dennoch sagt er: "Viele der Männer sind sehr verletzlich, sie haben ihre Zweifel und Sorgen." Bei manchen ist Bierbaumer sogar Familien-Gast.

Wenig über Psychologie und Pädagogik erfahren

Bierbaumer ist einer von vielen Kirchenmenschen, die ihre seelsorgerische Arbeit in einer mittlerweile oft sehr weltlichen Welt verrichten müssen. Vorbereitet auf solche Aufgaben hat die Kirche ihren Geistlichen nur teilweise: "Leider habe ich viel zu wenig über Psychologie und Pädagogik erfahren", bedauert er. Bierbaumer studierte an den Priesterseminaren in Wien und am internationalen Jesuiten-Kolleg "Canisium" in Innsbruck, und abgesehen von den erwähnten Defiziten hat er dort nur gute Erfahrungen gemacht, sagt er. Seine Vorbereitung in theologischen Dingen sei "sorgfältig" gewesen.

Sex. Das war ein Tabu.

Bleibt - aus aktuellem St. Pöltner Anlass - die Sache mit dem Sex. "Das war ein Tabu und wurde nur am Rande angesprochen", räumt Bierbaumer ein. Zwar ist die Ausbildung des Feuerwehr-Predigers schon einige Jahre her, doch der Verdacht liegt nahe, dass sich seither daran nichts Wesentliches geändert hat. Gottesmänner, die auf das Thema Sexualität angesprochen werden, antworten monoton und fast gleich lautend, immer geht es darum "die Sexualität in die eigene Persönlichkeit zu integrieren", oder um "positive Sublimierung". Was heißt das? In etwa, dass katholische Priester angehalten werden, die eigenen Triebe als "normal" zu akzeptieren, um sie in Energie umzuwandeln, die dann den Mitmenschen dient und Gott zur Freude gereicht.

Die Kirche spricht sich nicht klar aus. Das liegt nach Meinung vieler, auch Kirchen-interner, Kritiker an den überkommenen Strukturen der Kirche. "Die Kirche muss einen anderen Zugang zum Thema Sexualität finden", sagt Helmut Schüller, Leiter der Ombudsstelle der Erzdiözese Wien für Opfer sexuellen Missbrauchs in der Kirche, "das ist der Nährboden für alles andere." Dennoch glaubt Schüller nicht, dass dieser ohne Zweifel verzwickte Umgang seiner Kirche mit der Sexualität der einzige Grund ist für das Nachwuchs-Problem der Kirche. Schüller: "Es ist für viele immens schwierig, vorne am Altar vor den Gläubigen zu stehen und alles verteidigen zu müssen, was die Amtskirche vorgibt." Also nur wenn sich die Kirche in Zukunft selbst demokratische, transparente Strukturen verpasst, kann sie auf Dauer ihr Nachwuchsproblem in den Griff bekommen, ist Schüller überzeugt.

Geistliche Berufung ist nicht sehr im Trend

Das akute Nachwuchsproblem bestreitet mittlerweile niemand mehr. Die Zahl der Priester-Anwärter sinkt, die geistliche Berufung nicht sehr im Trend. Vor allem an Ordensschwestern herrscht in Österreich großer Mangel. Möglicherweise auch aus Mangeldruck weichte der mittlerweile sehr umstrittene St. Pöltner Bischof Kurt Krenn die Zugangskriterien zum Priesteramt derart auf, dass auch problematische Persönlichkeiten in St. Pölten ausgebildet wurden (beziehungsweise dort unterrichteten), die nun im Mittelpunkt des Pornoskandals in der Diözese stehen. "Die Personaldecke ist natürlich dünn", meint Nikolaus Krasa, Regens des Wiener Priesterseminars. Aber das Seminar leistet sich, laut Krasa, noch immer den Luxus, jene abzulehnen, die als nicht geeignet scheinen. Auch dadurch wird der Kreis derer, die auserwählt sind, immer exklusiver.

Priestertum "so individuell wie nie zuvor"

Feuerwehr-Seelsorger Bierbaumer studierte Ende der 80er-Jahre noch mit gut 60 Kommilitonen, im Vorjahr waren es nur mehr 17 junge Männer, welche die Priesterausbildung in Wien absolvierten - nachdem Regens Krasa vier Anwärter noch im Probejahr abgelehnt hatte. Dennoch herrscht in der Erzdiözese Wien kein Mangel an Priestern - noch nicht: 750 aktive Pfarrer zählt Generalvikar Franz Schuster aktuell - für insgesamt 660 Pfarren. "Wir haben das interessante Phänomen, dass wir zwar immer weniger Priesterschüler haben, die Zahl der Pfarrer insgesamt aber seit Jahren in etwa konstant ist", so Schuster. Das liegt wohl zu einem Teil auch daran, dass geschätzte 20 bis 30 Prozent der Geistlichen in Österreich aus anderen Ländern kommen. Zum anderen sind heute die Wege zum Priestertum "so individuell wie nie zuvor", so Regens Krasa: Es gebe kaum mehr den klassischen Weg, dass ein junger Mann gleich nach der Matura das Propädeutikum beginne, dann vier Jahre im Priesterseminar verweile und nebenbei Theologie studiere. Krasa registriert mehr "spät Berufene", die erst nach Abschluss ihres Studiums ihre wahre Berufung erkennen - und die dann eine andere Betreuung und Ausbildung brauchen als ein 18-jähriger Priester-Schüler.

"Persönliche Betreuung"

In Wien ist man daher vor zwei Jahren einen ganz neuen Weg gegangen: Die Seminaristen werden in Gruppen oder einzeln verschiedenen Pfarreien zugeteilt, wo sie in der Praxis lernen können, was sie später einmal erwartet. Der Wiener Kardinal Christoph Schönborn kümmert sich selbst regelmäßig um den Nachwuchs. Erst vor wenigen Wochen besuchte er mit ihnen spirituelle Orte in Frankreich - die Causa Krenn holte Schönborn dann vorzeitig vom Lehr-Ausflug zurück. In St. Pölten lief vieles schief, was in allen anderen Diözesen "so nicht möglich wäre", wie Seminarleiter von Eisenstadt bis Feldkirch beteuern: Das Probejahr wurde gestrichen, die sonst übliche Mitsprache der Kirchengemeinde vor der Weihe von Jungpriestern wurde nicht eingehalten, und was einige Ausbildner unter "persönlicher Betreuung" verstanden, ging sehr anschaulich durch die Gazetten. Seelsorger Bierbaumer ortet da den größten Reformbedarf: "Man muss schauen, welche Leute am Seminar unterrichten. Da braucht man sicher keine Komplexler."

(Petra Stuiber, DER STANDARD Printausgabe 24/25.7.2004)

Share if you care.