Der Himmel in Steyregg begann zu singen

28. Juli 2004, 12:15
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Wir haben im Gewand geschlafen, um schnell flüchten zu können, erzählt eine Überlebende: Die Gemeinde Steyregg erlebte in den Kriegstagen des Jahres 1944 einen Bombenhagel sondergleichen

Steyregg - "Dass kann sich keiner vorstellen, was wir hier erlebt haben" - die 78-jährige Herta Matscheko steht mit ihrer Freundin Anna Födermayr (70) in einem ehemaligen Luftschutzbunker der kleinen Stadtgemeinde Steyregg in Oberösterreich und blickt mit stoischer Miene auf die feuchten Wände aus Sandstein. Das Gefühl der Angst und Unsicherheit scheint in diesem Moment bei den beiden Frauen so präsent zu sein, wie es in den Tagen ab April 1944 wohl gewesen sein muss.

Und trotzdem haben sich beide dazu entschlossen, ihre Erinnerungen der Nachwelt auf ganz besondere Weise weiterzugeben. Unter der Leitung des Obmanns der Stadtkommune Steyregg, Hans Hametner, haben die beiden Frauen mit anderen Zeitzeugen die Ausstellung "Steyregg - Auferstanden aus Schutt und Asche" gestaltet.

Rückblende in das Jahr 1944: In den frühen Morgenstunden des 25. Juli steht Linz der erste Luftangriff der Alliierten unmittelbar bevor. 400 Jagdbomber verdunkeln an diesem Sommertag den Himmel. Hauptziel ist die Rüstungsindustrie, die in unmittelbarer Nähe von Steyregg gelegenen damaligen Hermann-Göring-Werke.

"Oberhalb unserer Stadt auf dem Hasenberg stand eine zentrale Flak-Abwehrstellung für die Stadt Linz. Um nach einem Tiefflug über der Landeshauptstadt mit weniger Gewicht schnell genug wieder aufsteigen zu können, haben fast alle B-17 Bomber Notabwürfe ihrer zerstörerischen Fracht genau über Steyregg durchgeführt", erläutert Hametner.

In einem Dreivierteljahr fielen geschätzt 8500 Bomben auf das 33 Quadratkilometer große Gemeindegebiet, von 344 Gebäuden wurden 154 fast zur Gänze zerstört, unzählige Tote und Verletzte waren zu beklagen. "Durch die herabfallenden Bomben hat der Himmel immer zu singen begonnen", erzählt Anna Födermayr, die zurzeit der Angriffe gerade einmal zehn Jahre alt war.

Ein "Gesang", der die Steyregger bis zu drei Mal pro Tag meist in den großen Erdbunker unter dem Schloss trieb. "Jeder hatte seine Sachen stets griffbereit, und zumeist haben wir auch im Gewand geschlafen, um im Ernstfall schnell genug flüchten zu können", erzählt die damals 18-jährige Herta Matscheko.

Unvergessen bleibe aber der Zusammenhalt in dieser schweren Zeit: "Trotz der vielen Stunden voller Angst hatten wir tief unter der Erde auch manchmal richtig schöne Momente", erinnert sich Matscheko. (mro/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24./25. 7. 2004)

"Steyregg - Auferstanden aus Schutt und Asche", Infos: Stadtamt (0732) 64 01 55
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