Bundespräsident Fischer: Kunst sollte über Krieg siegen

23. Juli 2004, 20:06
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Salzburg - Zu den Pluspunkten der Salzburger Festspiele zähle er, dass sie auf Grund ihrer Geschichte, ihrer Prägungen und ihres Selbstverständnisses immer wieder zu Assoziationen mit bestimmten aktuellen Themen Anstoß geben würden, sagte Bundespräsident Heinz Fischer in seiner sehr persönlich gehaltenen Eröffnungsrede. Kunst und Politik, Kunst und Friede, Kunst und Gewalt seien nicht nur Themen des Festspielprogrammes, sondern spiegelten einen Satz der Römer wider: "Wo Mars regiert, schweigen die Musen. Und ich denke, auch das Gegenteil davon ist wahr, beziehungsweise sollte zur Wahrheit gemacht werden - wenn die Musen regieren, hat Mars zu schweigen", betonte Fischer.

Auch in dieser Beziehung stünden die Salzburger Festspiele in der Tradition Hugo von Hofmannsthals, der kurz vor dem Ende des Ersten Weltkrieges die "Idee Europa" als Gegenkonzept zur Bankrotterklärung des Krieges gesehen hat. Die Bemühungen seiner Generation seien leider gescheitert, die Saat einer Berta von Suttner und anderer zunächst nicht aufgegangen, "der Wahnsinn des Zweiten Weltkrieges war die nicht vorstellbare Steigerung des vorangegangenen Wahnsinns des Ersten Weltkrieges", sagte der Bundespräsident.

Und doch gebe es einen Fortschritt in der Geschichte. Die Einigung Europas sei die Antwort auf die beiden verheerenden Weltkriege in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Eine Friedenszone von Irland bis Malta, von Estland bis Portugal sei ein eindrucksvoller Beweis dafür, "dass wir ja doch aus der Geschichte lernen können", sagte der Bundespräsident.

Das Verhältnis zwischen subjektiven Empfindungen und den vorherrschenden und veröffentlichten Meinungen zu einzelnen Aufführungen oder Themen mache die Salzburger Festspiele und die Kunst im Allgemeinen spannend. Zum Wesen der Kunst gehöre es, dass der Kunstschaffende und das Publikum in einem komplexen Verhältnis zueinander stünden. Einerseits müssten die beiden aufeinander zugehen und zum Austausch von Empfindungen bereit sein, andererseits das Spannungsverhältnis und die Individualität der Rezeption aufrecht bleiben. Distanzlosigkeit mache die Kunst zur Gewohnheit, die angenehm sein könne, "aber bei der die Intensität der Empfindung abnimmt", betonte Fischer.

Kunst müsse die Chance haben, unsere Lebenswelt auf den Prüfstand zu stellen und die Möglichkeit zur Auseinandersetzung erhalten. Sie dürfe nicht auf "exklusive Plätze im Scheinwerferlicht beschränkt sein". Kunst müsse allerdings die Proportionen wahren und sich auf Argumente stützen, nicht auf Macht. Kritik dürfe nicht dazu dienen, Kunst zu verhindern: "Kunst muss möglich sein und sie muss die faire Chance haben, unsere Selbstgefälligkeit heraus zu fordern und unsere Lebenswelt auf den Prüfstand zu stellen. Und sie darf nicht auf Festspiele und auf exklusive Plätze im Scheinwerferlicht beschränkt sein. Kunst muss die Chance zur Auseinandersetzung erhalten. Ich empfinde es auch als einen perfiden Untergriff gegen die Kunst, alles und jedes gut zu heißen. Undifferenziertes Lob verweigert den Dialog mit der Kunst ebenso, wie jede pauschale Verurteilung. Damit umgeht man die Auseinandersetzung. Kritik ist nicht nur erlaubt, sondern notwendig. Sie muss allerdings die Proportionen wahren und sich auf Argumente stützen, nicht auf Macht. Und sie darf nicht dazu dienen, Kunst zu verhindern", sagte der Bundespräsident. (APA)

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