Ein Maximum an Lebensveränderung

30. Juli 2004, 12:30
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Kazimir Malevic' Schriften zu Kunst, Kirche und Fabrik

Man muß sagen, daß ich, als ich ganz klein war, gar nicht gezeichnet habe . . . Irgendwie kam ich nicht darauf, daß Bleistift, Kohle und Papier die technischen Mittel sind, mit deren Hilfe man von den Negativen, den Eindrücken, Abzüge machen kann . . . Ich selbst war offenbar zu schwerfällig, um selber zu denken. Ich hatte mehr Interesse daran, zuzuschauen, wie sich die Störche, die Habichte in die Höhe schwangen." Als der Maler und Kunsttheoretiker Kazimir Malevic im Jahr 1923 diese "Autobiographische Notiz" verfasste, hatte er den Gipfel seines Ruhmes als revolutionärer Künstler längst erreicht. Zwar brodelten die Leidenschaften im russischen Laboratorium der Moderne noch, ein Rückblick auf die eigene Entwicklung schien aber nach dem ersten Abklingen des umstürzlerischen Eifers nach Oktoberrevolution und Bürgerkrieg durchaus angebracht.

1878 in Kiew geboren, hatte der spätere Erfinder des Suprematismus eine traditionelle Ausbildung als Maler bekommen und sich die Technik des in Russland überaus populären Impressionismus angeeignet. Malevic übersiedelt nach Moskau, macht rasch die Bekanntschaft mit den farbexperimentierenden Primitivisten Natalja Gontscharowa und Michail Larionow; die Auflösung der traditionellen Malerei im Symbolismus - die russische Spielart des Jugendstils - und im Spätcézannismus lassen bei ihm große Gesten des Umsturzes heranreifen: Seine Beteiligung am Gesamtkunstwerkprojekt "Sieg über die Sonne" gibt ab 1913 die Richtung für alle weiteren ästhetischen Aktivitäten vor. Ein Maximum an Lebensveränderung wird zum eigentlichen Inhalt der Kunst erkoren, zugleich sind alle Kunstgattungen vom revolutionären Impuls gleichermaßen betroffen. Der Dichter Welimir Chlebnikow erträumt für die Literatur eine neue, transrationale Sternensprache, Ossip Mandelstam spricht von der "ursprünglichen Nennung der Dinge" in einer neu zu schaffenden adamitischen Sprache, Alexander Skrijabins experimentiert musikalisch, um durch Synästhesie einen ekstatischen Mehrwert zu gewinnen. Kazimir Malevic' Forderung für die Malerei lautet: Suprematismus ist die Herrschaft über die Dinge, Malerei der Ungegenständlichkeit, Durchbrechung des Himmelsgewölbes. Der Künstler übernimmt die Rolle des Demiurgen. In der "0,10" betitelten Petrograder Ausstellung des Jahres 1915 - ob ihres hohen ästhetischen Anspruchs bis heute vielfach diskutiert - pflastert er eine Wand mit unzähligen suprematistischen Kompositionen zu: Die obere Raumecke aber, den traditionellen Ort der Ikone, den so genannten "schönen Winkel", ziert sein Gemälde "schwarzes Quadrat". Der Gestus ist absolut - ikonoklastisch und hypertroph zugleich: Das von Menschenhand gemalte Bild beansprucht, die Ikone, das Bild Gottes, zu ersetzen. Heute ist sie synonym mit Malevic, dem monochrom düsteren Gott der modernen Kunst.

Die Entwicklung bis zum schwarzen Quadrat und von dort bis zu den fantastischen Projekten kosmischer Architektur und Raumfahrerei beschreiben die soeben unter dem Titel Gott ist nicht gestürzt! vom Münchner Slawisten Aage Hansen-Löve herausgegebenen, neu übersetzten und stupend kommentierten Texte von Malevic. Es handelt sich bei den zwischen 1913 und 1924, zur Zeit des Suprematismus, entstandenen Texten nur um eine kleine Auswahl aus den viele Tausend Seiten umfassenden Reflexionen, Gedichten und Theorieentwürfen, anhand derer Malevic seine Arbeit als Lehrer an den Kunsthochschulen von Moskau, Witebsk und Leningrad im Dienste der jungen Sowjetmacht bestritt.

Die Reflexionen mögen philosophisch nicht immer besonders firm sein - "Ich bin der Ursprung von allem", heißt es da etwa in selbst gestrickter Terminologie. Die Auseinandersetzungen mit Zeitgenossen und Konkurrenten wie Wladimir Tatlin oder Alexander Rodschenko aber, die Beschreibung der Ablöse der Malerei des Lichts, wie sie in Europa bis zur Renaissance, in Russland aber mit der Ikonenmalerei bis in Malevic' Zeiten vorherrschte, durch die Farbenmalerei; die Analysen von Rhythmus und Dynamik in der Dichtung; das Wechselspiel von Wirkungsästhetik und politischer Instrumentalisierung - all das weist Malevic als einen Denker nicht nur von Originalität, sondern auch von Rang aus. Wenn er versucht, die klassische Trias von Gott, Welt und Seele in jene von Religion, Fabrik und Kunst zu übersetzen, so mag das wie eine Reihe anderer Spekulationen abwegig anmuten. Die Identifikation seiner eigenen Bilder mit einfachen Bedeutungen (das rote Quadrat steht für Revolution, das weiße für die Sphäre der reinen Tätigkeit; das schwarze Quadrat für den Bereich der Ökonomie) darf man als platt symbolisch bezeichnen - doch alles, was Malevic zu Technik, Moderne, oder zur Folklore vorzubringen hat, zeigt ihn nicht bloß als schwadronierenden Künstler-Theoretiker, sondern auch als erstaunlich hellsichtigen Kritiker seiner Zeit.

Wenn er etwa schreibt, dass "die Zeit der Antike im ästhetischen Kalkül von 1924 bestehen bleibt", so wird damit weniger ästhetischer Konservativismus angeprangert, als vielmehr zu einem sehr frühen Zeitpunkt die Erstarrung der Avantgarde zur stalinistischen Kunstpolitik aufs Korn genommen. Malevic scheut auch nicht davor zurück, den Finger auf den beginnenden Leninkult zu legen (Lenin als Christus), der mit der Errichtung eines Mausoleums für den Führer der atheistischen Weltrevolution seinen traurig-makabren Anfang nahm. Für den Künstler - und somit auch für ihn selbst - blieb in einer Zeit, da der Sozialistische Realismus zum ästhetischen Kanon und zur Staatsdoktrin wurde, nur die eigene, ästhetisch autonome Position übrig: "Ich bin der Weg der Zerstäubung, und die Zerstäubung ist Vernichtung des einheitlichen Bildes in eine Reihe von Teilen neuer Strömungen."

Die Zerstäubung der eigenen Person erfolgte im Fall von Kazimir Malevic - ganz anders als von ihm erträumt - durch die öffentliche Vorführung als Beispiel negativer Kunstentwicklung in der sowjetischen Spielart der Ausstellung "Entarteter Kunst" im Jahre 1932. Malevic hatte zu dieser Zeit seine eigene malerische Radikalität durch den Rückzug auf eine merkwürdige Neorenaissancemalerei zurückgenommen. Schließlich schloss sich der Kreis seiner Entwicklung mit jenem Neoprimitivismus, den er ähnlich schon Jahrzehnte früher gemalt hatte: gesichtslose Bauernfiguren, nunmehr im bunten Suprematismusambiente. Die totale Unterwerfung unter Stalins Suprematie blieb ihm erspart - 1935, am Vorabend des "Großen Terrors", stirbt Kazimir Malevic. Das schwarze Quadrat ist mittlerweile zur bloßen historischen Reminiszenz degeneriert: Es ziert den Kühler jenes Leichenwagens, auf dem Malevic in einem suprematischen Sarg transportiert wird.

Malevic' Bilder verschwinden für Jahrzehnte in den Depots der sowjetischen Museen, im Westen wird er hingegen zum Ahnherrn jener gegenstandslosen malerischen Beliebigkeit hochstilisiert, die tatsächlich nur im tölpelhaften Erstaunen über den Flug von Storch und Habicht verharrt, ohne je zu verstehen, dass man mit Stift oder Kohle auch zeichnen kann. Wer den ganzen Malevic will, wird an "Gott ist nicht gestürzt!" nicht vorbeikommen. (DER STANDARD, Printausgabe vom 24./25.7.2004)

Von Erich Klein
  • Kazimir MalevicGott ist nicht gestürzt! Schriften zu Kunst, Kirche, Fabrik Herausgegeben und kommentiert von Aage A. Hansen- Löve. € 26,40/603 Seiten. Edition Akzente, Hanser Verlag, München Wien 2004.
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    Kazimir Malevic
    Gott ist nicht gestürzt! Schriften zu Kunst, Kirche, Fabrik

    Herausgegeben und kommentiert von Aage A. Hansen- Löve.
    € 26,40/603 Seiten.
    Edition Akzente, Hanser Verlag, München Wien 2004.

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