Grausame Zivilisierung

30. Juli 2004, 12:30
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Ein argentinischer Roman über die Ausrottung der Indianer in Feuerland

Dass Klappentexte oft blödsinnig sind, ist bekannt, aber einen so blödsinnigen Text habe ich selten auf einem Buchdeckel gelesen: "Eine Welt entsteht noch einmal in ihrer Schönheit, die unwiederbringlich verloren ist."

Die Rede ist von Eduardo Belgrano Rawsons historisch-fiktionalen Roman In Feuerland, einem durchaus lesenswerten Buch. Die Welt, die darin beschrieben wird, ist die Einöde am äußersten Südrand des lateinamerikanischen Kontinents, wo die Lebensbedingungen mehr als unwirtlich waren und sind. Thema ist der Völkermord an den einst dort lebenden, heute ausgerotteten Eingeborenenstämmen.

Der Argentinier Belgrano Rawson erzählt von einer nicht abreißenden Serie von Brutalitäten, nicht nur von Seiten der weißen Schafzüchter und ihrer Schergen, sondern auch von Seiten der Indianer. Belgrano Rawsons Roman verzichtet auf anklagende Kommentare oder karikatureske Figurenzeichnung. Man könnte nicht einmal sagen, dass die Sympathien des Erzählers denen gehören, die letztlich die Opfer waren. Trotzdem wird einem bei der Lektüre die Ungeheuerlichkeit der Kolonialisierung des Kontinents voll bewusst.

Nein, die eigentliche Liebe des Autors gehört nicht einzelnen Figuren und schon gar nicht einer der beiden Kriegsparteien, sie gehört den Sachen und Situationen selbst. Belgrano Rawson verfügt über eine erstaunliche Sachkenntnis betreffend die Lebensverhältnisse im südlichen Patagonien zu Beginn des 20. Jahrhunderts, betreffend Fischfang und (primitiven) Wohnbau, Schafzucht und Pferdehaltung, Schifffahrt, Medizin, Meteorologie . . . Und er verfügt über ein Einfühlungsvermögen, das sich nicht in psychologischen Analysen ergeht, sondern alltägliche Gesten, Gebräuche, Fertigkeiten, Sehweisen, einzelne Blicke, spezifische Empfindungen nachzuvollziehen versucht, worüber er mitunter auf die Identität seiner Figuren vergisst, die oft nur Blick-, Handlungs-, Empfindungs-, Erinnerungsträger sind.

In Feuerland gehört zu den Romanen, die jede Unterscheidung zwischen Haupt- und Nebenfiguren hintertreiben. Kein einzelner Handlungsstrang leitet den Fortgang der Erzählung, und doch vermittelt das Ganze die Bewegung von Geschichte, eben der Geschichte der "Zivilisierung" der Wildnis, des historischen Siegs der Viehzüchter über die "primitiven" Jäger. Belgrano Rawson ist aber kein avantgardistischer Romancier, der das unendlich verwinkelte Labyrinth der menschlichen Wahrnehmung erkundet. Nein, was er angestrebt und auf seine Weise verwirklicht hat, ist ein Abenteuerroman mit historischem Hintergrund.

Die vielen Erinnerungen der Figuren und die häufigen Perspektivenwechsel wirken oft beliebig, zeugen eher von dem Bedürfnis des Autors, das recherchierte Material loszuwerden als von einem umfassenden, durchgehaltenen Formwillen. So bleibt am Ende das Gefühl, dass hier etwas verschenkt wurde: ein richtig abenteuerlicher Abenteuerroman, bei dem der Leser mit der einen oder anderen Figur mitgehen kann; oder ein kühn gebautes Kunstwerk, das auf konventionelle Erzähltricks verzichtet. (DER STANDARD, Printausgabe vom 24./25.7.2004)

Von Leopold Federmair
  • Eduardo Belgrano RawsonIn Feuerland
Aus dem Span. von Lisa Grüneisen €19,50/208 Seiten. 
Beck, München 2003.

    Eduardo Belgrano Rawson
    In Feuerland
    Aus dem Span. von Lisa Grüneisen
    €19,50/208 Seiten.
    Beck, München 2003.

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