Leben ohne Netz

30. Juli 2004, 12:30
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Peter Hennings Prosa vom freien Fall

Aus der Spur: Der Titel des zweiten Buchs von Peter Henning steht programmatisch für die inneren Prozesse der Figuren aller seiner Bücher. Diese Menschen kommen aus dem Tritt, ihre bislang scheinbar fest gefügte Realität bröckelt, zerbricht schließlich. Peter Henning schickt sie auf den harten Weg ins Draußen, ohne Gewissheit, ohne Halt, ihren inneren Stürmen schutzlos ausgeliefert. Dort wartet nicht die absurde Leere Becketts, doch auch keine moralische Rückkoppelung und damit Rückkehr ins Gemeinschaftliche.

Ein Sog erfasst Peter Hennings Figuren. Der Icherzähler in Aus der Spur gerät in eine tiefe Krise, in der der kleine Ferienort in Spanien zu einer kalten Folie erstarrt. Nach langer Entfremdung hat seine Frau ihn verlassen. Das wird nicht erzählt, es ist der Unterboden der Erzählung. Der Icherzähler bricht nach Spanien auf, wo er seine Frau vermutet. Doch sie ist nicht in der Ferienwohnung. Es heißt, sie soll in ein paar Tagen wiederkommen. Kristina bleibt ein Schemen in der Ferne. Ich hat seine eigene Geschichte, mit der er nicht zu Rande kommt. Ich sitzt viel in der Bar, trinkt viel, fährt sinnlos in der Gegend herum. Ich sieht Bilder wie aus einem Film von Wim Wenders. Die in der leeren Wohnung verdämmerten Stunden münden wie von selbst in Szenen der Vergangenheit. Erst mit der Krebserkrankung seines Vaters bekommt der Icherzähler eine Chance ihm nahe zu sein. Die tiefsten, die berührendsten Momente des Buchs ereignen sich hier in Beiläufigkeit, und woraus andere Autoren ausgebreitete Zeremonien des Abschieds gestaltet hätten, Peter Henning zeigt es kurz und präzise, gewichtet aber nicht, wodurch es in seiner Beiläufigkeit nur stärker wiegt. Nicht die Hoffnung auf Rückkehr Kristinas steht am Ende des Buchs, sondern die auf Rückkehr zu sich selbst.

Auch Peter Hennings Debütroman Tod eines Eisvogels aus dem Jahr 1997 war ein Bewegungsbuch. Der Protagonist entführt seine schizophrene Schwester Leni aus der psychiatrischen Anstalt und fährt mit ihr nach Holland an jene Orte, wo sie in ihrer Kindheit und Jugend glückliche Tage verbracht hat. Raffinierte Schnitte blenden dabei immer wieder die tragische Familiengeschichte ein. Peter Hennings Erzählkunst zeigt sich im zärtlichen Blick aufs Detail, das mitten in der Unruhe aufleuchtet, für sich steht. Tod eines Eisvogels ist ein Plädoyer für die Aus- oder in sich Eingesperrten. Eine Reise, die im Abgrund endet.

In seinem Erzählband Giganten von 2002 zeigt Peter Henning in 18 Geschichten Menschen, deren Leben sich in einem einzigen Augenblick verändert. Lindberg wird wegen ein paar Programmzeitschriften, die er für seinen Sohn stiehlt, zum Mörder. Der Schwimmer erinnert sich, wie seine Mutter ihn nicht aus dem Becken ließ, ehe nicht die Trillerpfeife ertönte. Diese steckte die Mutter dem Bademeister immer dann in den Mund, wenn der hinter der Milchglasscheibe seines Büros kam. Augenblicke, sprechende Details. Immer verwoben zu einem Bewegungsgeflecht. Peter Hennings Geschichten treiben voran, erzählen von der zu durchlaufenden Wegstrecke, an deren Ende freilich nicht die Erlösung wartet.

In seinem in diesem Jahr erschienen Buch Linda und die Flugzeuge hat er sein Verfahren wesentlich beschleunigt. Der Journalist und Icherzähler Berger strandet nach einer Notlandung in Mojave und beschließt, nicht nach Deutschland und zu seiner Frau zurückzukehren. Bei ein paar Gläsern an der Bar übernimmt er einen Jeep und fährt von nun an die Flugzeugverrückten hinaus zum größten Flugzeugfriedhof der Welt. Unter diesen Spottern ist auch Linda, mit der er in einem ausgeschlachteten Flugzeug eine Liebesnacht verbringt. Am nächsten Morgen ist sie verschwunden. Berger steigt ins nächste Flugzeug und folgt ihr nach Singapur, wo sie gemeinsam mit einem Freund eine halsbrecherische Aktion plant. Der Freund erweist sich als Terrorist, der Linda für seine Sache benützt. Sie schlägt Bergers Warnungen in den Wind. Der muss mitansehen, wie Linda von den Sicherheitsleuten erschossen wird. Peter Henning vertraut hier ganz auf das sprachliche Drehmoment, das er souverän zu handhaben versteht. Er kann Geschwindigkeit erzeugen, wo eben noch Totenstille herrschte. In Linda und die Flugzeuge enträt er ganz der Darstellung dessen, was er am besten kann: den Stillstand mitten in der Bewegung, das Durchdrehen der Räder bei vollem Lauf. So wünschte man sich als Leser manchmal, der Autor würde gemeinsam mit dem haltlos getriebenen Helden Berger verweilen und ausharren. Doch nach diesen vier Büchern ist eines sicher: Peter Henning ist nicht nur ein Meister des atmosphärischen Details, kaum einer vermag wie er ein Leben im freien Fall, ein Leben ohne Netz darzustellen. (DER STANDARD, Printausgabe vom 24./25.7.2004)

Peter Henning, Linda und die Flugzeuge.
€16,40/156 Seiten. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt/Main 2004.


Peter Henning, Giganten. 18 Geschichten.
€14,90/143 Seiten. Residenz, Salzburg/Wien 2002.

Wolfgang Hermann ist Schriftsteller, er lebt in Vorarlberg. Zuletzt erschienen von ihm bei Otto Müller "Das Gesicht in der Tiefe der Straße" (€ 16,-).

Von Wolfgang Hermann
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