Der Esel ist kein Frühlingsopfer

23. Juli 2004, 19:50
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[8:tension], Marie Chouinard und Christian Rizzo versorgen das Tanzfestival ImPulsTanz mit weiteren Spitzenproduktionen

Während die einen im Bewegungsfundus der Konsumwelt wühlen, verwöhnt der Franzose Rizzo im Odeon mit surrealem Bilderzauber.


Wien - Ein adretter junger Mann ziert die leergefegte Bühnenwüste. Sitzender Anzug, die Krawatte sauber gebunden, das Haar nett gefönt. Ein Lichtblick für jeden Personalchef. Etwas irritierend nur, dass ihm eine unsichtbare Kraft die Arme auseinander reißt, den Körper in der Mitte knickt. Dass er sich kapriziert wie eine vom eigenen Puppenspieler besessene Marionette. Die Atmosphäre knistert.

Entschlossen stößt der aus Schweden stammende Tänzer Palle Dyrvall ins Proszenium des Akademietheaters vor und führt aus, was der Titel seiner Soloarbeit Catastrophe Communication Combinatoria ankündigt: Er lässt einen von gewaltigen Gesten begleiteten, paranoiden Wortschwall über drohende Desaster auf dieser Welt los. Über digitale und demokratische Bomben und darüber, dass in 4000 Jahren das Gewicht aller Erdbewohner zusammen jenes des Planeten selbst erreichen werde.

Der Anzugträger entpuppt sich als wandelnder Störfall, und Dyrvall als ausgezeichneter Akteur, der ein echtes Highlight in die bisher von gelungenen Arbeiten dominierte Nachwuchschoreografenreihe [8:tension] bei ImPulsTanz brachte. Einen finsteren Stern mit starker Hintergrundstrahlung aktiviert die aus Neuseeland stammende, charismatische Tänzerin Simone Aughterlony in ihrer Erstlingsarbeit Public Property. Eine junge Frau, live auf der Schauspielhaus-Bühne und per Videobeamer projiziert, denunziert den öffentlichen Raum als überreglementiertes Gefängnis, als Ort des exponierten Verschwindens. Tragik und Ironie, Selbstdarstellung und Selbstverleugnung halten einander in fragiler Balance.

Bunter, leichter, witziger, aber beinahe noch tragischer handelt die Brasilianerin Maria Clara Villa-Lobos in dem Trio M - une pièce moyenne den Bilderzirkus der Medienindustrie ab. Handysounds, Pornoposen und Clips dienen der Unterhaltung einer gelangweilten Gruppe, die sich Szene für Szene in den Wiederholungsschleifen ihrer Ratlosigkeit auflöst.

An den bei [8:tension] gezeigten Stücken ist eine klare Tendenz zur kritischen politischen Positionierung zu erkennen. Dyrvall, Aughterlony und Villa-Lobos demontieren die moralisch verkleisterte Gesellschaft unserer Breiten und Tage, ohne in den Sog eines seichten Agitprop zu geraten.

In anderen Sphären schwebte die kanadische Choreografin Marie im Hauptprogramm des Festivals. Ihr Frühlingsopfer ist, obwohl 1993 entstanden, ein Werk aus dem ästhetischen Kanon der 80er-Jahre. Großartig choreografiert und getanzt, mit zahlreichen Zitaten aus dem seinerzeit fundamental innovativen Original von Vaclaw Nijinski, das bei seiner Uraufführung 1913 in Paris für einen beispiellosen Skandal sorgte. Chouinards Sacre du printemps kann in Wien nicht außerhalb der markanten Nijinski-Reihe gelesen werden, die bei Tanz.2000.at, einer Kooperation von ImPuls und den Wiener Festwochen, vor vier Jahren gezeigt wurde.

Nijinski-Paraphrasen

Damals setzten sich die französische Gruppe Le Quatuor Albrecht Knust, der deutsche Choreograf Thomas Plischke und die österreichisch-russische Kooperative "Lux Flux/Saira Blanche Theatre" mit Nijinski auseinander. Im Unterschied zu Chouinard waren diese drei Projekte in größeren Zusammenhängen gedacht und wurden mit analytischen Mitteln umgesetzt.

Dafür hat Chouinard jetzt im Volkstheater für eine kleine Überraschung gesorgt. Sie zeigte Frühlingsopfer zusammen mit einem zweiten Stück, Chorale, einem Anti-Sacre par excellence: Der Opfergedanke hinter dem Fruchtbarkeitsritual ist in erotische Komik umgedreht und Sex erscheint nicht als psychotischer Abgrund, sondern als die Lust am Leben schlechthin.

"Musik ist für mich wie Sex", sagt der französische Choreograf, Designer und Musiker Christian Rizzo. Sein Stück mit dem Titel Ich könnte genauso gut das Blaue vom Himmel holen und auf einem Esel davonreiten (im Odeon) steht dem bisherigen Glanzlicht des Festivals, Big, 2nd episode von Superamas, an Originalität kaum nach. Herrlicher Sound, surreale Bilder, ein ritualhafter Ablauf machen diese Performance zu einem düster schillernden Rätsel ohne Auflösung. (DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.7.2004)

Von
Helmut Ploebst
  • Charismatische Aktionen hinter einem unaussprechlichen Titel: "Ich könnte genauso gut das Blaue von Himmel holen und auf einem Esel davonreiten" von Christian Rizzo.
    foto: impulstanz/© thomas bernardet

    Charismatische Aktionen hinter einem unaussprechlichen Titel: "Ich könnte genauso gut das Blaue von Himmel holen und auf einem Esel davonreiten" von Christian Rizzo.

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