Ein Glücksfall für die Sanitäter

23. Juli 2004, 19:55
posten

Gustav Kuhns Verdienst: Wagner ohne Schnickschnack bei den Tiroler Festspielen Erl

Erl - Mit stürmischem Jubel endete der diesjährige Erler Ring. Dabei galten die meisten Akklamationen dem Orchester, das Maestro Gustav Kuhn zu Höchstleistungen anspornte - im Vergleich zum Vorjahr hat es noch deutlich an Genauigkeit und luzidem Zusammenspiel gewonnen. Die Tutti-Stellen gelingen beinahe fehlerfrei, selten hörte man die Flöten des Vorspiels zum dritten Siegfried-Akt so klar heraus.

Alan Woodrow gibt die Titelpartie wunderbar lyrisch, während Christian Brüggemanns Mime eher durch seine unvergleichlich hinterhältige Mimik überzeugt.

Kuhns ausgefeilte Personenregie setzt neben spannungsreichen Momenten auf sehr zarte Ironie, was der wahrhaft nicht leicht zu inszenierenden Oper durchaus Kurzweiligkeit verleiht. Durch das Fehlen eines übergestülpten Regiekonzeptes eröffnen sich Freiräume für den Zuschauer und -hörer, der gleichsam zur Mitarbeit aufgefordert wird. Sehr enttäuschend aber Thomas Gazheli als Wanderer, der nur minimalistisch agiert und die Kollegen schlicht überbrüllt.

Elena Comottis Brünnhilde kämpft im Siegfried nicht nur mit ihren Gefühlen, sondern auch ein klein wenig mit den Höhen der Partie, während sie im Schlussgesang der Götterdämmerung durchaus il foco sacro vermittelt - göttliche Funken der Verzweiflung.

Überhaupt gerät die Götterdämmerung zum Paradestück des Rings, was auch an den Leistungen von Michael Kupfer (Gunther) und am alles überstrahlenden Duccio Dal Monte (Hagen) liegt. Letzterer agiert im zwischen Pseudo- naturalismus und Abstraktion changierenden Bühnenbild (Jörg Neumann) als furioser Diplomat und brutaler Totschläger. Hervorragend auch Monika Waeckerle als kühl-verzweifelte Waltraute mit kantablen Ausformungen.

Abseits von Wagners Welten-Drama programmierte Kuhn heuer wieder eine ganze Reihe von Zusatzangeboten. In einem fünfteiligen Klavierzyklus setzten sich Nachwuchspianisten mit diversen Facetten des Werkes von Johann Sebastian Bach auseinander, stellten Bachschen "Originalen" zahlreiche Bearbeitungen gegenüber.

Indes durfte der ob der Vielzahl von Veranstaltungen immer noch nicht müde Teil des Publikums in einer Schmiede oder im "Ring-Atelier" auch selbst Hand anlegen, Szenenbilder entwerfen und Siegfrieds Schwert neu schmieden. Im nächsten Jahr wagt Kuhn einen 24-Stunden-Ring, für den nach seinem Bekunden schon jetzt etliche Extra-sanitäter vorbestellt sind. Ferner gibt man Richard Strauss' Elektra. 2006 läuft Tristan, ein Jahr später dann Parsifal. Zusätzlich sind Konzerte mit Neuer Musik geplant, wofür auch eigens Kompositionsaufträge vergeben werden.

Angesichts des sehr begrenzten Budgets von einer Million Euro ist das ganze Unternehmen vom guten Willen aller Beteiligten abhängig, vor allem jedoch dem der Musiker. Kuhn erzählt die Geschichte des zweiten Posaunisten vom Innsbrucker Landesorchester, der gebeten wurde, in Erl einzuspringen. Seine Antwort: Bei diesem Honorar gehe er lieber schwimmen . . . (DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.7.2004)

Von
Jörn Florian Fuchs
Share if you care.