Komponieren in Echtzeit

30. Juli 2004, 11:22
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Mit seinem visionären Konzept orchestraler Improvisation hat Lawrence "Butch" Morris über die Grenzen des Jazz hinaus Anerkennung gefunden

Am Sonntag gastiert der 57-jährige Kalifornier in Nickelsdorf.


Nickelsdorf - Es ist einer dieser simplen Sätze, die sich bei näherer Betrachtung als inhaltsschwere Bekenntnisse entpuppen. "Ich mag Unterschiede", betont Butch Morris im Interview immer wieder. In welchem sich das Gespräch um ein vordergründig gar nicht so ungewöhnliches Thema dreht. Psychologie und Ästhetik des Musizierens mit orchestralen Klangkörpern, genauer: deren Anleitung mittels Dirigentenstab - das klingt nach einem gut durchgekauten Thema.

Nicht in diesem Fall freilich: Denn Morris pflegt mit dem Klangszepter, dem Metall gewordenen Musik-Zeigefinger, keine Notentexte zu exegieren, sondern in Echtzeit zu komponieren. Ein über die Jahre entwickeltes Vokabular mit 19 exakt definierten Gesten zwecks Kreation, (Neu-)
Orchestrierung und Bearbeitung von notierter und nicht notierter Musik steht Morris, der Mitte der 70er in New Yorks freejazziger Loftszene als Kornettist erstmals von sich reden machte, dafür zur Verfügung.


Gestisches Vokabular

"Um das Maximum aus der Musik herauszuholen, ergab sich bei mir schon früh die Notwendigkeit von Echtzeit-modifikationen der ausnotierten Partituren, die Notwendigkeit, Kompositionen spontan zu de- und zu rekonstruieren", beschreibt Morris seinen Weg, mit dem er nach der Blütezeit des Free Jazz, als weithin die Reintegration freier Energien in komponierte Strukturen betrieben wurde, eine völlig eigenständige Richtung einschlug.

"Das Dirigieren ermöglichte es mir, im Rahmen jedes vorgegebenen Notats Rhythmus, Melodik, Harmonik, Form, Artikulation, Phrasierung zu verändern oder neu zu initiieren. Und als dieses gestische Vokabular einmal etabliert war, schien es möglich, die Notation gänzlich fortzulassen, um Ideen kollektiver Interaktion zu verfolgen, in der Absicht, Kompositionen in Echtzeit zu konstruieren."

Seit Februar 1985, als in New York im Rahmen der Conduction #1 jenes visionäre Konzept erstmals coram publico erprobt wurde, hat Morris 139-mal in aller Welt Musiker unter seinem Kommando versammelt: Traditionelle japanische und türkische Ensembles, klassisch geschulte Instrumentalisten und vor allem freie Improvisatoren schufen unter seiner Anleitung mitunter bizarre, bislang ungehörte Klangskulpturen.

Ob dabei das Dirigat improvisierender Orchester nicht die Quadratur des Kreises bedeute, da die Musiker nach individueller Freiheit strebten, während der Taktstockmann Unterordnung fordere? "Ich schätze Unterschiede", sagt Morris wieder. Und: "Ich bin weder Demokrat noch Diktator. Ich 'mache' Musik mit Menschen, die wiederum mit mir Musik erarbeiten. Was ein Musiker spielt, basiert in der Regel darauf, was er weiß - in jeder Kultur. Idealerweise fasst deshalb jeder mein Vokabular anders auf." Um aus dieser seiner Erfahrung auch die über Musik weit hinaus reichende humanistische Dimension dieser Konzeptpraxis auf den Punkt zu bringen:

"Nicht die Anpassung der Musiker - wechselseitig und mir gegenüber - macht die Musik so inspirierend, sondern der Kontrast der Identitäten. Meine Ensembles repräsentieren Mikrogesellschaften, in denen die Möglichkeit besteht, gemeinsam Dinge zu verändern - über soziale und kulturelle Differenzen hinweg. Im Kleinen wird hier einfach Musik um ihrer selbst Willen gemacht, im Großen ist es dies kulturelle Diplomatie in schönster Blüte." (DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.7.2004)

Von
Andreas Felber

Nickelsdorfer Konfrontationen
23.-25. 7.
Jazzgalerie
2425 Nickelsdorf
02146/23 59
Konfrontationen
Butch Morris
So., 19 Uhr
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Wer rastet, erzeugt Musik im Kopf: Lawrence "Butch" Morris tut es und gastiert dann am Sonntag in Nickelsdorf.

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