István Szabó: Wie ein Gefühl oder ein Gedanke entsteht

23. Juli 2004, 18:00
posten

Startschuss für die Festspiele 2004: Auszüge aus der Eröffnungsrede des ungarischen Filme­machers István Szabó

Stalin fixiert ein Glas, Trudeau dreht eine Pirouette: über die Macht der Laufbilder und das enge Verhältnis zwischen dem europäischen und dem amerikanischen Kino.


Meines Wissens bin ich der erste Filmregisseur, den die Salzburger Festspiele mit einer Aufgabe solcher Art beehren, so gilt die Einladung nach meiner Auffassung nicht meiner Person, sondern der mitteleuropäischen Filmkunst. Ich betrachte diese Möglichkeit also als eine Art Antrittsrede der Filmkunst, möchte daher Ihre Aufmerksamkeit auf Gefahren lenken, die ich in den vergangenen Jahren im Zusammenhang mit der Verantwortung von Kunst erfahren habe.

Das laufende Bild – ob Film oder Fernsehen – gestaltete sich zur enormen Macht, und so trägt jeder, der damit zu tun hat, eine besondere Verantwortung. Filmemacher tragen die Verantwortung, dass sie ihre Kamera nicht als eine Waffe von Politik missbrauchen lassen; Sie, die Zuschauer, sind verantwortlich dafür, dass Sie lernen, hinter die Bilder zu sehen, so wie Sie im 20. Jahrhundert gelernt hatten zwischen den Zeilen zu lesen.

Natürlich gibt es immer politische Interessen, die Fälschungen, Irreführung, Manipulierung des Publikums verlangen. Und immer wieder finden sich Fachleute, sogar Künstler, die dazu bereit sind. Die Politik ist immer bestrebt, ihre momentane Ideologie geltend zu machen, die Kunst zu erobern, Künstler zu verführen, zu korrumpieren. So wie es immer wieder Künstler gibt, die unter den Fittichen der Politik reüssieren wollen – oder es nur dort können.

Heute wollen schon beide Seiten nur die Massen beeinflussen: Man will verführen, wenn es anders nicht geht vergewaltigen. Wie oft sehen wir sogar bei traditionsreichen Kulturfestivals, wie geschickt manipulierende Gaukler, Bluffs in den Himmel gehoben werden, nur damit ihre Förderer selbst genügend modern oder mutig erscheinen, und wie viele Künstler imitieren eine politische Überzeugung oder wechseln gar spektakulär ihre Überzeugung, nur um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Dabei hatte schon ^Ionesco gesagt: Das, was wir einmal schon entlarvt hatten, noch einmal zu entlarven, ist Konformismus. (...)

Was kann der Film? Kann er überhaupt etwas Originelles bieten, was ihm einen eigenständigen Charakter gibt, oder ist der Film nur ein Gemisch anderer Künste, deren Wert er benutzt? Ich habe eine einzige Sache für mich im Film gefunden, die keine andere Kunst kann und die den Film originär macht, mit eigenen Energien aufladen kann: Das ist die Nahaufnahme vom lebenden menschlichen Gesicht, die die Geburt eines Gefühls oder eines Gedankens oder deren Veränderung im Blick des Menschen aufzeigt.

Das lebende, sich wandelnde Gesicht, dessen Verhältnis zu einem anderen lebenden Gesicht, Steigerung und Nachlassen der Spannung zwischen den lebenden Gesichtern und natürlich auch das Verhältnis dieser lebenden Gesichter zur Umwelt, zur Natur, zur Gesellschaft, zur Welt – das ist also der Film. Alles andere kann man beschreiben, malen, tanzen oder singen, aber die Geheimnisse des Gesichts sind mit der Intimität der Nahaufnahme nur auf der Filmleinwand oder auf dem Bildschirm zu sehen.

Stalins Glas

Ich habe mir mehrmals eine berühmte Dokumentarfilmpassage angeschaut, die Stalin in den Dreißigerjahren im Moskauer Bolschoi Theater zeigt, während seiner Rede vor den Kongressdelegierten der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Eine einzige lange Aufnahme zeigt Stalin aus direkter Nähe, wie er betont langsam spricht und dabei mehrfach nach einem Glas Wasser greift, um zu trinken. Doch diese mehrere Minuten dauernde Aufnahme mit dem mehrfachen Hinschauen enthüllt etwas Merkwürdiges.

Stalin kämpft mit dem Glas. Kaum hat er es hingestellt, und spricht einen neuen Satzteil aus, kehrt sein Blick zum Glas zurück. Er greift nach ihm, merkt aber, dass er lächerlich wird, wenn er nach jedem Wort trinkt, also nimmt er es doch nicht. Er dreht sich mit beklommenem Blick seinen Zuhörern zu, sein Blick haftet jedoch schon wieder wie unter Zwang auf dem Glas. Er kann nicht widerstehen, nimmt schnell einen Schluck, fährt mit seiner Rede fort, doch sein Blick wandert nach ein paar Worten wieder zum Glas. Hat keiner gesehen, dass dieses Land von einem an Zwangshandlungen leidenden Menschen geführt wird?

Wer repräsentiert die Geheimnisse und Sehnsüchte der Zuschauer? Wie bei der Politik im Bildschirmzeitalter: Wer repräsentiert mehr Sicherheitsgefühl glaubwürdig? Wenn das Gesicht originell ist, wenn der Blick kraftvoll ist, wenn die Persönlichkeit charismatisch ist, dann funktioniert die Botschaft. (...)

Eine Erinnerung von der Kraft des Bildes: eine Konferenz führender Politiker des Commonwealth in London. Die Königin gibt einen Empfang. Sie zieht an den Ministerpräsidenten und Diplomaten vorbei. Als sie am kanadischen Ministerpräsidenten Pierre Trudeau vorbeigeht, dreht sich Trudeau hinter dem Rücken der Königin und führt eine Pirouette aus, wie ein Schüler, der hinter dem Rücken seines Lehrers scherzt.

Diese Pirouette wird später zum Symbol der Trudeau-Ära, ein Symbol der Unabhängigkeit Kanadas. Als Trudeau Jahre später verstarb und sein Sarg durch einen Teil des Landes mit dem Zug in die Hauptstadt befördert wurde, standen Tausende Kanadier die Eisenbahnschienen entlang und pirouettierten zum Abschied. Ein ganzes Land pirouettierte vor seinem Sarg. Mehr kann ein Politiker nicht erreichen. Dieses Symbol entstand durch ein einziges unerwartetes Fernsehbild. (...)

Positive Helden sollen wir nicht von den Filmen erwarten. Erst brauchen wir ein realisierbares, nicht durch Korruption korrodiertes Zukunftsbild, für das es Helden der Filmmärchen lohnt, Opfer zu bringen. Das Kino ist eine geheime Form des Gefühls von Geborgensein, von Komfort, von Solidarität, für zwei kurze Stunden in einem dunklen Raum, wo wir allein sind mit dem, mit dem wir uns insgeheim identifizieren, ohne dass es andere von uns erfahren.

Kino ist der Austausch intimer menschlicher Berührungen. Seine heutige Muttersprache, die "intime menschliche Berührung", hat sich zu ihrer jetzigen Form so gestaltet, dass Europa, das Geburtsland des Films, viele seiner mit Filmen beschäftigten Talente seit Anfang des vorigen Jahrhunderts viele Jahrzehnte lang nach Amerika gejagt hat. Erinnern Sie sich an die Stabliste des Berliner Films Menschen am Sonntag: Siodmak, Zinnemann, Billy Wilder, Edgar Ulmer. Auch Béla Balázs, Sándor Korda, Béla Lugosi, Wyler, Lubitsch, Erich von Stroheim, Marlene Dietrich, Sternberg, Preminger, Peter Lorre lebten hier.

Und in Budapest Mihály Kertész, – Michael Curtiz – der Regisseur des Casablanca, Ferenc Molnár, Pál Fejös, Adolph Zukor, der Gründer von Paramount, oder Vilmos Fuchs, besser bekannt als William Fox, der 20th Century Fox zustande gebracht hat. Sie wollten nicht weggehen. Im Café einer Filmfabrik in Los Angeles unterhielten sich einmal in den Dreißigerjahren Michael Curtiz und Béla Lugosi auf Ungarisch. Sie waren wohl zu laut, denn nach einiger Zeit ermahnte sie von einem Nachbartisch Billy Wilder: "Jungs, hört auf, ungarisch zu reden! Ihr seid in Amerika. Sprecht deutsch!"

Sprache der Bilder

Sie alle sind gegangen. Sie konnten die Sprache nicht, waren aber voll von Geschichten, die sie erzählen wollten. Sie haben also ihre eigene Sprache erfunden, die Sprache der einfachen menschlichen Gefühle. Die Sprache von Liebe, Eifersucht, Hass, Freude, Angst und Kampfbereitschaft, die Sprache, die statt Worten aus dem Blick, aus kleinen Berührungen zu deuten ist.

Human touch – das ist die Sprache des amerikanischen Films heute noch. Der Unterschied zwischen ihrer Filmsprache und der jetzigen ist nur, dass sie die europäische Kultur mit nach Amerika genommen hatten, die Offenheit, Toleranz, die Selbstironie. Die ist vielleicht am wichtigsten, und die ist inzwischen verloren gegangen. Statt Selbstgefälligkeit und Maßlosigkeit die Selbstironie, die sie sich an Universitäten von Wien, Prag, Krakau, Budapest oder Triest zu Eigen gemacht haben. (DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.7.2004)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.