Wachsende Angst der weißen Bauern

28. Juli 2004, 13:07
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Die Angst vor Enteignung geht um unter Namibias knapp 4000 weißen Farmern

Das Auto kam aus der Hauptstadt. Zwei Männer aus dem Ministerium stiegen aus, sie hatten einen wichtigen Brief zu übergeben. Doch der Adressat war nicht zu Hause. "Sie riefen mich auf dem Handy an", erzählt der Bauer Volker Dieckhoff, "sie wollten mir den Brief persönlich überreichen. Da habe ich meine Termine in Windhoek abgesagt und bin sofort zurück auf die Farm gefahren." Zweihundert Kilometer, um ein Schreiben in Empfang zu nehmen, das wenig Gutes verhieß.

Dieckhoff wird darin aufgefordert, seine Farm an den Staat zu verkaufen und ein Preisangebot zu unterbreiten. "Wegen der Dringlichkeit" möge er binnen 14 Tagen antworten. Nach dem Landreformgesetz von 1995 sei der Minister befugt, "im öffentlichen Interesse" Land zu erwerben, um es für "landwirtschaftliche Zwecke" namibischen Bürgern zukommen zu lassen, die kein Land besitzen, und die durch frühere "diskriminierende Gesetze und Praktiken" benachteiligt waren.

Dieckhoff war schockiert. Warum hatten sie sich ausgerechnet seine Farm ausgesucht? Schließlich hatte der 64-jährige Bauer schon vor einem Jahr die Hälfte seines Besitzes an einen jungen Schwarzen verkauft. Über 5000 Hektar. Für seinen Viehbetrieb behielt er 5225 Hektar. "Das klingt viel, entspricht in Europa aber einem Betrieb von 35 Hektar", erklärt der ausgebildete Landwirt. Denn im trockenen namibischen Busch benötige man 16 Hektar für eine einzige Kuh.

Nicht nur Volker Dieckhoff, der im Vorstand des Bauernverbandes sitzt, auch andere Farmer haben vom Minister für Landfragen, Umsiedlung und Wiedergutmachung Briefe mit der unverhohlenen Aufforderung zum Landverkauf erhalten. Es geht um 24 Farmen, die Minister Hifikepunye Pohamba so schnell wie möglich kaufen will. Die meisten gehören Deutschen.

Nun sollen landlose Namibier in der endlos weiten Savanne angesiedelt werden. "Weiße Farmer werden enteignet", lauteten die Schlagzeilen, nach dem Vorbild Simbabwes wolle nun auch Namibia seine Landreform durchsetzen. Doch selbst der Bauernverband beschwichtigt: Bis jetzt gibt es keine Enteignungen, die Briefe seien Absichtserklärungen. Schließlich habe Minister Pohamba alle Betroffenen zu persönlichen Gesprächen eingeladen, um über die Verkaufsmodalitäten zu verhandeln.

Im Ministerium Rechtfertigungsversuche. "Wir handeln streng nach dem Gesetz und halten uns an die Verfassung", sagt Staatssekretär Frans Tsheehama, auch wenn er die Ängste der "weißen Landsleute" verstehen könne.

Strenge Töne

Die Regierung steht unter Druck. Anfang Dezember wird in Namibia gewählt. Und die Landreform ist eindeutig das sensibelste Thema dieses Wahlkampfs. Landminister Pohamba soll Nachfolger des seit der Unabhängigkeit im Jahre 1990 regierenden Präsidenten Sam Nujoma werden. Da hilft es, im Kampf um die Gunst der Wähler ein paar strengere Töne anzuschlagen.

Da werden öffentlich "rassistische Weiße" vor Enteignungen gewarnt, oder die Gewerkschaft der schwarzen Landarbeiter droht mit Farmbesetzungen. Auf der Gegenseite radikalisieren sich konservative weiße Farmer, sehnen sich nach alten Zeiten zurück und träumen von einem Reservat für Weiße.

Knapp 4000 weiße Bauern leben noch in der einstigen deutschen Kolonie Südwest. In dem bevölkerungsarmen Land mit seinen 1,7 Millionen Einwohnern besitzen sie noch immer zwei Drittel des kommerziell genutzten Landes.

Doch was dabei oft übersehen wird: Die fruchtbarsten Böden im wasserreichen Norden Namibias wurden schon immer von Schwarzen bewirtschaftet. "Communal Areas" heißt der breite Gürtel entlang der angolanischen Grenze, es sind Gemeindeflächen der Schwarzen, also kein Privatbesitz. Je weiter südlich man kommt, desto trockener wird das Land. Lemmie Uirab freut sich. "Onzerust" heißt seine 5700 Hektar große Farm, die er sich mit zwei anderen Schwarzen teilt, "Ort der Ruhe". Zum ^ersten Mal in seinem Leben gehört ihm ein Stück Land. "Es ist einfach himmlisch, auf eigenem Boden zu stehen." 26 Rinder, 72 Schafe, 200 Ziegen, zwei Esel und zwei Pferde nennt er sein Eigen. "Harte Arbeit", sagt der 47-Jährige, "aber ich hoffe, in zehn Jahren davon leben zu können." Wenn es nach ihm ginge, sollten die weißen Farmer keinesfalls vertrieben werden: "Wir wollen zusammenarbeiten." (DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.7.2004)

Von Susanne Bittorf aus Windhoek
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    Der namibische Präsident Sam Nujoma gibt die Zügel aus der Hand. Seine Nachfolger sollen die umstrittene Landreform abwickeln.

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