"Nicht das Besenkammerl der Republik"

26. Juli 2004, 14:42
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Caritas-Präsident Küberl im STANDARD-Interview: Gegen verpflichtenden und für freiwilligen Sozialdienst beider Geschlechter

Franz Küberl fordert, die Untauglichkeitsbestimmungen beim Heer zu überprüfen. Die Dauer des Zivildienstes müsse der Staat vorgeben. Mit ihm sprach Peter Mayr.


STANDARD: Wie viele Zivildiener beschäftigt die Caritas?

Küberl: Es sind so um die 500.

STANDARD: Die Opposition will die Zivildienstdauer auf sechs Monate senken. Wäre das ein Problem für die Caritas?

Küberl: Wird der Wehrdienst verkürzt, muss das auch beim Zivildienst geschehen. Das Ausmaß muss aber bitte der Verfassungsgesetzgeber festlegen. Derzeit habe ich den Eindruck, dass die Regierenden die Hilfsorganisationen wie mobile Büsche vor sich herschieben, um sich dahinter verstecken zu können. Wir würden aber in Teufels Küche kommen, wenn sich die Trägerorganisationen eine bestimmte Länge wünschen.

STANDARD: Sollten auch Untaugliche Zivildienst leisten?

Küberl: Das generelle Abschieben von Untauglichen Richtung Zivildienst ist falsch. Wir sind nicht das Besenkammerl der Republik. Richtig wäre es, die Untauglichkeitsbestimmungen zu überprüfen.

STANDARD: Sie wollen ein neues Bewertungssystem?

Küberl: Ja. Meine Vermutung ist die, dass man beim Bundesheer bei der Musterung sehr streng vorgeht, weil man in Wirklichkeit weniger Leute braucht. Aber auch jene, die nach neuen Musterungskriterien wehrtauglich sind, müssen zwischen Bundesheer oder Zivildienst entscheiden können. Man kann nicht zwangsweise Leute zum Zivildienst schicken. Da muss sich auch das Militär anstrengen und entsprechende Systemerhalterposten schaffen.

STANDARD: Was ist, wenn es keine Zivildiener mehr gibt?

Küberl: Dann müsste man sich neue Formen des sozialen Engagements von jungen Leuten überlegen. Es wäre die Verpflichtung des Staates, daran mitzuwirken, dass es andere Wege gibt, wie junge Leute an sozialen Brennpunkten mithelfen können.

STANDARD: Zum Beispiel ein verpflichtendes Sozialjahr für Männer und Frauen?

Küberl: Davon halte ich nichts. Ich bin Verfechter eines attraktiven freiwilligen Sozialdienstes.

STANDARD: Warum?

Küberl: Im sozialen Bereich braucht es eine Entscheidung für diese Arbeit. Alles andere wäre für die Person, die den Dienst ableistet, und für Menschen, mit denen sie zu tun hat, entsetzlich. Es gibt bis zu 80.000 Jugendliche pro Jahrgang. So viele attraktive Einsatzplätze gibt es gar nicht.

STANDARD: Wie wollen Sie die jungen Leute locken? Der Verdienst wird es wohl kaum sein.

Küberl: Ein freiwilliger Sozialdienst soll für Männer und Frauen offen sein. Es braucht dafür attraktive Einsatzplätze und natürlich auch eine vernünftige Bezahlung. Außerdem braucht es die Anrechenbarkeit bei Beruf und Studium. Auch jemand, der Jurist werden will, ist gut beraten, diese soziale Kenntnis mit in sein Studium zu bringen. Ein Polier, der über diese Kenntnisse verfügt, ist ja ein wertvoller Mitarbeiter.

STANDARD: Aber er war vom Arbeitsmarkt weg.

Küberl: Er war am Gesellschaftsmarkt. Das ist genauso wichtig. Das Wirtschaftliche soll ruhig von sozialen Dingen kontaminiert werden.

STANDARD: Die Caritas ist Teil der römisch-katholischen Kirche. Fürchten Sie negative Auswirkungen durch die Vorkommnisse in St. Pölten?

Küberl: In gewisser Weise ja. Die Caritas ist als Teil der katholischen Kirche schon sehr darauf angewiesen, dass möglichst alle Katholiken Vertrauen in diese Kirche haben. Und dass möglichst viele, die nicht religiös sind, auch das Gefühl haben, ein paar Dinge macht die katholische Kirche schon ganz besonders gut. Die Vertrauensfrage ist zwar wichtig, aber ebenso entscheidend ist auch die Opferfrage. Wirklich entsetzlich ist die Sache mit der Kinderpornografie. So etwas ist eine unmenschliche Grausamkeit.

STANDARD: Die Caritas lebt auch von Spenden. Fürchten Sie, dass es Einbußen geben wird?

Küberl: Ich bin zuversichtlich, dass das, was die Caritas tut, stärker wirkt als die entsetzliche Optik von St. Pölten.

STANDARD: Muss Bischof Krenn gehen, damit es das neue Vertrauen in die Kirche gibt?

Küberl: Es wäre nicht klug, wenn ein kleiner katholischer Sozialhelfer dem Papst sagt, was er zu tun hat.

STANDARD: Wie bewertet ein "kleiner Sozialhelfer" das soziale Klima in Österreich?

Küberl: Wir haben eine ganze Menge an sozialen Absicherungen und Solidarbiotopen. Aber: Es gibt auch Dammbrüche in Bezug auf soziale Kälte. Denken Sie an den Umgang mit den Menschen am Rand der Gesellschaft. Stichwort: Vereinheitlichung der Sozialhilfe, Rechtsanspruch auf Sozialhilfe. Das ist allen politisch Verantwortlichen klar. Und was geschieht? Gar nichts. Dabei könnte man mit List und Lust viele dieser Fragen zugunsten aller beantworten. (DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.7.2004)

  • Küberl: "Es wäre die Verpflichtung des Staates, daran mitzuwirken, dass es andere Wege gibt, wie junge Leute an sozialen Brennpunkten mithelfen können."
    foto: caritas/ ©peter philipp

    Küberl: "Es wäre die Verpflichtung des Staates, daran mitzuwirken, dass es andere Wege gibt, wie junge Leute an sozialen Brennpunkten mithelfen können."

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