Gentechnisch veränderte Erdäpfel sollen nachgezüchtet werden

25. Juli 2004, 12:30
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Am Ende einer langen Zuchtkette könnten Kartoffeln mit dem begehrten Amylopektin stehen - ohne Gentechnik

Schmallenberg-Grafschaft - "Nicht alles technisch-wissenschaftlich Machbare muss auch gemacht werden" - so oder so ähnlich lauten Slogans, mit denen immer häufiger neue Errungenschaften aus der Welt der Forschung begrüßt werden. Welch seltsame Blüten die Diskrepanz zwischen Möglichem und ethisch Vertretbarem treibt, zeigt ein Forschungsvorhaben am Fraunhofer-Instituts für Molekularbiologie und Angewandte Ökologie (IME) in Schmallenberg-Grafschaft (Deutschland): Die Wissenschafter wollen gentechnisch veränderte Erdäpfel durch herkömmliche Züchtungen nachbauen.

Stein des Anstoßes ist die so genannte Amylose, die etwa 20 bis 30 Prozent der Kartoffelstärke ausmacht. Der überwiegende Rest ist Amylopektin, die andere Stärke-Variante. Interessant für viele technische Nutzungen der Kartoffelstärke etwa in der Lebensmittel- oder auch in der Papierindustrie ist vor allem das Amylopektin, Amylose stört dabei nur. Gentechniker haben prompt reagiert und durch direkte Eingriffe in das Erbgut Kartoffeln kreiert, welche praktisch nur das begehrte Amylopektin produzieren. Ein einziges Gen muss dafür ausgeschaltet werden.

"Nachbau"

Nachdem man in Deutschland mit derart gentechnisch veränderten Pflanzen (GVO) ebenso viele Freude hat wie in Österreich - nämlich gar keine - ist die Freisetzung der GVO-Knollen ein Problem. Doch auch dafür haben die Wissenschafter eine Lösung. Die IME-Forscher nehmen die manipulierten amylosefreien Erdäpfel als Vorbild und versuchen sie nun mit normalen züchterischen Methoden gleichsam nachzubauen.

Um die Sache doch ein wenig zu beschleunigen, werden die Pflanzen mit Ethylmethansulfonat behandelt. Diese Substanz wird schon seit langem in der Züchtung eingesetzt und erzeugt häufiger als normal punktförmige Veränderungen (Mutationen) im Erbgut. Anschließend müssen die Wissenschafter den Wust an entstandenen Mutationen durchmustern und hoffen, dass auch das gewünschte Gen betroffen und funktionslos ist.

Problem

Ein Problem dabei ist, dass das Amylose-Gen in typischen europäischen Kartoffeln in vier Kopien vorliegt, die meist auch nicht ganz ident sind. "Um Veränderungen des Gens überhaupt nachweisen zu können, mussten wir daher erst Kartoffeln finden, bei denen die Kopien gleich aussehen", erklärte Jost Muth vom IME. Mit diesen Erdäpfeln wurde und wird dann weiter mutiert und gezüchtet.

Nur Pflanzen mit je zwei defekten Amylose-Genen kommen für Weiterzüchtungen in Frage. Ein Sechsunddreißigstel der Nachkommen trägt dann vier defekte Amylose-Gene im Erbgut und produziert nur noch Amylopektin. Bis die amylosefreien Erdäpfel auf dem Acker blühen können, werden nach Ansicht der Forscher "noch einige Jahre" vergehen. (APA)

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    Eine nur nur Amylopektin produzierende Kartoffel könnte durch Züchtung entstehen - in einigen Jahren.

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