Pressestimmen: "9/11 und das Versagen der Politik"

24. Juli 2004, 20:20
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US-Abschlussbericht ist schockierende Liste - Iran als Terroristen-Helfer

Genf/Paris/Madrid - Den Abschlussbericht der unabhängigen Untersuchungskommission des US-Kongresses zu den Terroranschlägen des 11. September kommentieren am Freitag mehrere europäische Tageszeitungen.

Tages-Anzeiger, Zürich

"Besonders schockierend liest sich die Liste verpasster Gelegenheiten zur möglichen Verhinderung der Massenmorde in New York und Washington. Es ist deshalb nur verständlich, dass der Bericht die Berufung eines neuen Beauftragten für die amerikanischen Nachrichtendienste verlangt. Diese Forderung stößt indes sowohl beim Bundeskriminalamt FBI als auch beim Auslandsnachrichtendienst CIA auf erheblichen Widerstand. Was der Report hingegen nicht leistet, ist eine umfassende Kritik der amerikanischen Strategie beim Kampf gegen den islamischen Terrorismus.

Kein Tag vergeht im amerikanischen Wahlkampf, an dem der Präsident nicht vollmundig verkündet, die Welt sei als Folge seiner Kriege in Afghanistan und im Irak 'sicherer' geworden. Doch die Vereinigten Staaten und die Welt sind seit dem Sturz von Saddam Hussein keineswegs 'sicherer' geworden, wie dem kürzlich vom amerikanischen Außenministerium veröffentlichten Jahresbericht über den Terrorismus zu entnehmen ist."

"Liberation"

"Demokratien zeichnen sich durch diese leicht paradoxe Größe aus, öffentliche Untersuchungskommissionen zu Aktivitäten ins Leben rufen zu können, die geheim sind und es auch bleiben sollen. So kann man sich schulmeisterlich Fragen über Leute stellen, die nicht gesehen haben, wie der Bär vor ihrer Nase den Honigtopf an sich genommen hat. Oder die eine armselige Katze des Nachbarn mit einem ausgehungerten Löwen verwechselt haben. So die Schwachstellen der Geheimdienste nachzukonstruieren, ist vom Konzept her allerdings nicht umwerfend. Der Kommission gelingt es, das Puzzle wieder zusammenzusetzen. Sie geht dabei jedoch nicht so weit, die ideologischen Gründen für die Kurzsichtigkeit der Geheimdienste El Kaida gegenüber oder auch die politischen Ursachen für deren 'irakische Blindheit' zu beleuchten."

"ABC"

"Abgesehen von einem kritischen - aber nicht übertriebenen - Rückblick auf die Antwort der Regierungen Clinton und Bush auf die Terrorbedrohung, enthält der Bericht zwei Aspekte, die die Zukunft bestimmen werden. Auf der einen Seite besteht die Bedrohung fort, so dass die Geheimdienste reformiert werden müssen, um sich den Eigenschaften des internationalen Terrorismus anzupassen. Auf der anderen taucht der Iran - und nicht der Irak - in Besorgnis erregender Form als Helfer der Terroristen des 11. September auf. Der Bericht gibt Bush bezüglich der "Achse des Bösen" teilweise Recht und lässt angespannte Beziehungen zu Teheran am Horizont erkennen."

Financial Times

"Das Urteil sollte einen reinigenden Effekt auf Amerikaner haben, die noch lernen, sich auf das Zeitalter des globalen Terrorismus umzustellen. (...) Der 11. September war eine Versagen der Politik und der Regierung, aber auch ein Versagen der Vorstellungskraft. Eine Reihe von Behörden versagten dabei, die unterschätzte Bedrohung entschieden anzugehen. Verkrustete Interessengruppen werden Widerstand leisten, aber Änderungen sind unausweichlich."

"Kommersant" "Die Kommission war peinlich genau in Demokraten und Republikaner aufgeteilt. Deshalb kritisierte der Abschlussbericht beide Seiten, aber eben nur gemäßigt. Der eine Teil schob die Schuld am 11. September dem demokratischen (Ex)-Präsidenten Clinton zu. Der andere befasste sich mit dem Versagen des Nachfolgers Bush. Anders konnte es auch nicht sein. Hundert Tage vor der Präsidentenwahl wird jedes Wort auf die Goldwaage gelegt. Aus den sensationellen Untersuchungen steigen nur Seifenblasen auf, es kommt nichts Konkretes. Alle und niemand trifft die Schuld. Demokraten und Republikaner können fortfahren, einander die Verantwortung zuzuschieben." (APA/dpa)

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