Serbien: Angeklagte Generäle laufen frei herum

24. Juli 2004, 12:13
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Konflikt um Kooperation mit Den Haag

"Serbische Regierung verhandelt mit Ratko Mladic" - "Lebendig kriegt ihr mich nicht, richtet Mladic aus" - "Der General versteckt sich in Serbien". Das liest man in diesen Tagen auf den Titelseiten serbischer Zeitungen. Offizielle Stellungnahmen gibt es keine, dafür wird umso mehr über das Schicksal des Exkommandanten der bosnisch-serbischen Streitkräfte spekuliert.

Einige Medien behaupten, die serbische Regierung führe Geheimverhandlungen mit dem wegen Kriegsverbrechen vom UNO-Tribunal in Den Haag angeklagten General. Sollte sich Mladic freiwillig stellen, soll das Angebot angeblich lauten, dass Serbien seine Familie finanziell versorgt und die Verteidigung des Generals übernimmt.

Die Chefanklägerin des Tribunals, Carla del Ponte, behauptet seit Jahren, Mladic halte sich, von der Armee beschützt, in Serbien auf. Belgrad bestand bisher darauf, seinen Aufenthaltsort nicht zu kennen. Ein Argument, das unglaubwürdig erscheint angesichts der Tatsache, dass sich drei andere wegen Kriegsverbrechen angeklagte serbische Polizei- und Armeegeneräle frei in Belgrad bewegen, gegen das UN-Tribunal gerichtete Interviews geben und in Talkshows auftreten.

Gegner des serbischen national-konservativen Premiers Vojislav Kostunica behaupten, Belgrad zeige "nicht den geringsten politischen Willen" zur Kooperation mit dem UN-Tribunal. Aufgrund der bestehenden Anklagen könnten die Generäle jederzeit festgenommen werden. Die Begründung, dass ihre Verhaftung die "Sicherheitslage bedrohen würde", bezeichnet Außenminister Vuk Draskovic als "faule Ausrede".

Vor wenigen Tagen kulminierte der Ärger von Carla del Ponte: Obwohl die Anklage wegen Genozids gegen den einstigen Präsidenten der ehemaligen "Republik Serbische Krajina" in Kroatien, Goran Hadzic, geheim gehalten werden sollte, wurde dieser vorgewarnt und konnte aus seinem Haus in Novi Sad fliehen. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.7.2004)

Andrej Ivanji aus Belgrad
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