Zwischen Muezzin und Kirchenglocken

23. Juli 2004, 19:41
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Mit einem Staatsakt wird heute in Mostar eine Replik der Alten Brücke eröffnet

Mostar - Das Meisterwerk ottomanischer Baukunst, in der Umgangssprache liebevoll "stari", "der Alte", genannt, hatte 427 Jahre lang West- und Ostufer der Neretva miteinander verbunden. 1557 bis 1566 unter der Leitung des jungen Architekten Hayruddin erbaut, war die kühne Konstruktion mit einem Bogen von fast 30 Meter Spannweite Wahrzeichen der nach ihr benannten Stadt Mostar.

Bis sie am 9. November 1993 in einem gezielten Akt von Urbizid zerstört wurde. Verantwortlich: der kroatische General Slobodan Praljak, der sich vor dem Haager Tribunal wegen Kriegsverbrechen zu verantworten hat.

Der Wiederaufbau der Alten Brücke, finanziert mit Mitteln von Unesco, Weltbank, der Stadt Mostar und internationaler Spenden, gilt als wichtiger Schritt in Richtung Wiedervereinigung der geteilten Stadt.

Musterstadt

Mostar galt vor dem Krieg als Musterstadt des Zusammenlebens von orthodoxen Serben, katholischen Kroaten, muslimischen Bosniaken und einer kleinen jüdischen Gemeinde. Mehr als ein Drittel lebten in gemischten Ehen, viele der jüngeren Leute erfuhren erst im Zuge der Ethnisierung während der Neunzigerjahre, zu welcher der Volksgruppen sie sich zu rechnen haben.

Von ehemals 20 Prozent Serben wohnt kaum jemand mehr in der Stadt, die Kroaten leben fast ausschließlich im moderneren Westteil, die muslimischen Bosniaken im Osten. Mehr als ein Drittel der heutigen Bewohner sind Kriegsvertriebene, die sich in den verlassenen Häusern Geflüchteter ansiedelten oder in provisorischen Unterkünften einer Rückkehr in ihre Dörfer harren.

Obwohl man inzwischen frei und gefahrlos die immer noch von zerstörten Gebäuden gesäumte ehemalige Demarkationslinie überschreiten kann, beschränkt sich das Alltagsleben meist auf die ethnisch "eigene" Stadthälfte. So gibt es zwei Universitäten und zwei Nationaltheater und getrennte Schulen.

Die Arbeitslosenquote beträgt mehr als 50 Prozent. Die Aluminium- und Rüstungsproduktion wurde entweder im Krieg zerstört oder wegen mangelnder Rentabilität eingestellt. Wer noch Arbeit hat, verdient im Schnitt nicht einmal mehr die Hälfte des Vorkriegslohnes - eine dünne Schicht Kriegsgewinnler ausgenommen.

Meist Zustimmung

Gäbe es nicht eine Schattenwirtschaft, internationale Hilfe und vor allem die Unterstützung durch ins Ausland geflüchtete Verwandte, müssten noch mehr Menschen zu überleben versuchen wie Goran Dshamija, der an einer Straßenecke aus einem Pappkarton Zigaretten verkauft und sich fragt, "ob man in einer Nachkriegsstadt Hunderttausende für die Brückeneröffnungsfeier ausgeben muss?"

Abgelehnt wird der Wiederaufbau der Brücke aber nur von fanatischen Nationalisten, die noch von einem rein kroatischen Mostar in einer an Kroatien angeschlossenen Herzegowina träumen.

Die meisten Bewohner Mostars zeigen sich gerührt, dass "stari" nun zurückkehrt in die Wirklichkeit aus dem Exil im Reich der Erinnerungen an erste Küsse am Brückenpfeiler und heldenhafte Brückenspringer. "Früher wurde gesprungen, um die Mädchen zu beeindrucken oder um der Verzweiflung des Krieges zu trotzen. Heute springen wir für Red Bull", sagt der Friedensaktivist Denis Kajic. Die Getränkefirma veranstaltet das erste Springen auf der neuen "Alten Brücke". (Tina Leisch aus Mostar, DER STANDARD Printausgabe 23.7.2004)

Der STANDARD berichtet über die Eröffnung detailiert am Freitag

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