Russen von Putin zunehmend enttäuscht

24. Juli 2004, 12:13
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Oligarchen als Idole, Reformangst bei Älteren

Nichts schien so kratzfest wie Wladimir Putins Image. Die exzellente PR-Maschinerie des Kreml und die gleichgeschalteten Medien verschaften dem russischen Präsidenten eine Popularität von weit über 70 Prozent.

Am Beginn der zweiten Amtszeit nun relativieren zwei Umfragen das Bild. Auf die Frage der Soziologen des Institutes VCIOM, wer die Idole der russischen Jugend seien, verwiesen die 18- bis 24-jährigen Kinder der Perestrojka Putin mit schwachen 14 Prozent auf den fünften, sprich vorletzten Platz.

Schneller Erfolg

Dabei muss sich Putin nicht nur von den TV-Helden (28 Prozent), Sportlern (37 Prozent) und Popstars (52 Prozent) geschlagen geben, sondern unterlag auch denen, denen er den Kampf angesagt hat: den Oligarchen und Unternehmern (42 Prozent).

"Der schnelle Erfolg ist zum größten Wert geworden", kommentiert VCIOM das Ergebnis; daher komme die Identifikation mit dieser Gesellschaftsschicht. Auch wenn der Jugend kaum politische Interessen nachgesagt werden können, so ist das Ergebnis allemal pikant vor dem Hintergrund, dass Putins Kampf gegen die Oligarchen große Sympathie bei den traditionell unternehmerfeindlichen Erwachsenen findet.

Abgesehen von Idolen und Oligarchen durchläuft Putins Rating auch eine rein politisch bedingte Korrektur. Mitte Juli gaben nur 49 Prozent der Bevölkerung an, ihn wieder wählen zu wollen. Das sind um sieben Prozentpunkte weniger als im März vor der Wahl, bei der Putin dann mit 71 Prozent bestätigt wurde, und ein Allzeit-Tief seit seinem Machtantritt im Jahr 2000.

Hauptursache dürften unpopuläre Reformen sein. Den bisher größten Unmut erregte der Regierungsplan für Sozialreformen, der vorsieht, bisherige Sachprivilegien im Bereich Gesundheit, Transport und Kommunalwesen durch Bargeldzahlung zu kompensieren. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.7.2003)

Eduard Steiner aus Moskau
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