Leben in Überfluss-Semestern

22. Juli 2004, 20:35
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Die langen Studienzeiten an heimischen Universitäten und ihre Auswirkungen - Ein Kommentar der anderen von Alfred Pfabigan

Mehr als die Hälfte der Absolventen einer österreichischen Hochschule sind älter als 25 Jahre, mehr als ein Viertel sind 30 oder älter. Manche von ihnen haben ihr Studium neben einer angemeldeten, sozialversicherten Tätigkeit absolviert, sie sind hier nicht Thema, doch die anderen haben in den letzten Tagen die Öffentlichkeit beschäftigt: Wie sollten sie bis 65 die für die Rente erforderlichen Beitragsjahre zusammen bekommen?

Das ist eine brisante Frage, und man kann sich freuen, dass sie gestellt wird, weil damit endlich die Möglichkeit besteht, eine skandalöse Befindlichkeit anzusprechen, die bisher kaum jemanden interessiert hat: die lange Studiendauer an den österreichischen Universitäten. Der Schaden, der hier entsteht, ist immens und aktualisiert sich für die Betroffenen ja keineswegs erst in Jahrzehnten.

Hat sich schon jemand überlegt, wie attraktiv ein 30-jähriger Jungakademiker ohne Berufspraxis für einen Personalchef eigentlich ist? Für einen Hochschullehrer ist es ein lehrhaftes und schmerzliches Erlebnis, wenn ihn etwa eine Kulturorganisation ersucht, bei der Besetzung eines der heute recht raren Jobs beratend mitzuwirken und sie dann auftauchen: die 24-jährige Frau Magister mit einer zertifizierten Computerausbildung, der 25-jährige Herr Magister mit einem Auslandspraktikum und der 29-Jährige, der en passant einflicht, dass er leider nicht dazu gekommen sei, seinen Wehrdienst zu absolvieren.

Wer bekommt da wohl den Job? Es gibt berücksichtigenswerte Ausnahmefälle, aber in vielen Fällen kann sich ein taktloses Mitglied der Auswahlkommission einen Witz nach dem Abgang des letzten Kandidaten dann doch nicht verkneifen. Wer zahlt eigentlich diese langen Studien? Die Öffentlichkeit - und das ist eine abstrakte Größe, die niemand so wirklich interessiert.

Eltern finanzieren

Aber die Behauptung stimmt nicht so ganz, zunächst sind es die Eltern, welche die Studien ihrer Kinder zumindest teilweise finanzieren. Und da tut sich eine neue Schere auf. Genau diese Elterngeneration ist im Moment Adressat massiver Appelle, für ihr Alter finanzielle Vorsorge zu treffen. Angesichts der in unserem Land in vielen Berufsgruppen immer noch geltenden Gehaltspyramide fallen die höchsten Einkommen in die Zeitspanne zwischen dem 55. Lebensjahr und dem Antritt des Ruhestands.

Die "jungen Eltern" sind in den letzten Jahrzehnten ein rares Phänomen geworden - wie kann einer "vorsorgen", wenn er nolens volens gerade in den dafür vorgesehenen Jahren weiter seine studierenden Sprösslinge unterstützt? Wenn der Generationenvertrag neu justiert werden muss, dann gilt das nicht nur für die Pensionen, sondern auch für die Studienzeiten.

Hat die lange Verweildauer an der Universität für die Betroffenen irgend einen im späteren Berufsleben relevanten Nutzen? Vor allem unter älteren Hochschullehrern gilt die Frage als unzulässig: Das Studium diene schließlich auch der Persönlichkeitsbildung. Diplomarbeiten enthalten in der Regel eine Kurzbiografie ihrer Verfasser, und wer sie liest, wird erstaunliche Funde machen. Da hat einer etwa mit Rechtswissenschaften begonnen, ist zu den Wirtschaftswissenschaften gewechselt, hat dann längere Zeit bei laufender Inskription pausiert und endlich in einem Gewaltakt ein geisteswissenschaftliches Studium abgeschlossen. Protokolliert eine solche Studienbiografie nicht eher eine frustrierende Orientierungslosigkeit als eine "Persönlichkeitsbildung"?

Weiß der Betreffende jetzt wirklich, was er will und was er kann, oder beschränken sich seine teuren Erfahrungen nicht nur auf das Wissen, was er "nicht will"? Gewiss, hier hat jemand offensichtlich Lebensmodelle "ausprobiert", das sei respektiert - aber ist ihm auch bewusst, dass er dieses gelegentlich schmerzliche "Ausprobieren" in der Berufspraxis ohnedies noch einmal vornehmen muss?

Jedes überflüssigerweise an der Universität verbrachte Jahr ist ein verlorenes Lebensjahr. Von Ausnahmen abgesehen - etwa in der Medizin oder den Naturwissenschaften -, wo StudentInnen in berufsrelevante Projekte einbezogen werden, gilt für die anonymisierten österreichischen Massenuniversitäten mit ihren überfüllten Lehrveranstaltungen und im Interesse der Selbstrettung schwer zugänglichen ProfessorInnen die traurige Erkenntnis: Hier "spielt sich nichts ab".

Die Gleichgültigkeit gegenüber der langen Studiendauer scheint ein kollektives Mentalitätsphänomen zu sein, und da hütet man sich besser vor Schuldzuweisungen. Aber ein Hinweis pro futuro ist wohl gestattet: Das Wort vom "Wettbewerb" zwischen den Universitäten hört man derzeit recht oft. Wie der genau ablaufen wird, liegt einstweilen noch im Dunklen, aber ein Kriterium wird wohl entscheidend sein: die Fähigkeit einer Universität oder einer Studienrichtung, ihre StudentInnen zeitgerecht "loszulassen". (DER STANDARD, Printausgabe, 23.7.2004)

Alfred Pfabigan lehrt Sozialphilosophie und Politologie an der Universität Wien
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