Der unverwüstlich Kindheitliche

30. Juli 2004, 12:30
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Nach vierzig Jahren wechselte Martin Walser, der streitbare Dichter, von Suhrkamp zu Rowohlt: Dort erschien nun sein jüngster Roman: "Der Augenblick der Liebe"

Sein aktueller Roman erweist Walser einmal mehr als Meister der schonungslosen psychologischen Studie.


Reinbek - "Das Gelobtwerdenwollen ist das unverwüstlich Kindheitliche in uns", bekennt Gottlieb Zürn, der Protagonist von Martin Walsers neuem Roman, und zeigt so seine Verwandtschaft mit dem Titelhelden des letzten Buches, Meßmers Reisen, aber wohl auch mit seinem Autor, den die hartnäckige Liebesverweigerung Marcel Reich-Ra- nickis zu der Satire Tod eines Kritikers (2002) animiert hat.

Der Text war eine Provokation, man unterstellte ihm, gestützt auf kursierende Druckfahnen, eine antisemitische Klischierung, der kritisierte Kritiker erklärte ihn außerdem für schlecht. Walsers Leibblatt, die FAZ, verweigerte den Vorabdruck, ihr Herausgeber ging in die Offensive - und Walsers Verlag fast in die Knie. Erst nach längerem Hin und Her und einigen Entschärfungen ad personam rang man sich bei Suhrkamp zur Publikation durch (der damals noch lebende, aber nicht mehr amtsfähige Leiter Siegfried Unseld und seine ihm mittlerweile an die Verlagsspitze nachgefolgte Frau Ulla Berkéwicz waren ebenfalls als Karikaturen kenntlich).

Martin Walser zeigte sich, die eigene wie die Intelligenz seines Publikums beleidigend, von den Empörungswogen überrascht, auch davon, dass, was als Schlüsselroman angelegt war, als solcher gelesen wurde. Er hat den ersten deutschen Literaturverlag und die erste deutsche Zeitung gezwungen, beim letzten deutschen Tabu Farbe zu bekennen, und will das nicht bemerkt haben.

Im Februar 2004 wurde bekannt, dass mit Walser der vielleicht populärste und sicher produktivste Autor Deutschlands dem Suhrkamp-Verlag nach über vierzig Jahren aufgekündigt hatte und zu Rowohlt gewechselt war: Sein alter Verlag habe ihn enttäuscht, er sei mit ihm Opfer einer "Machtausübung von außen" geworden.

Drache oder Hl. Georg

Die Pose des Bekenners liegt Walser. In den mit viel echtem Menschenblut gespeisten Kunstfiguren seiner Bücher äußert er sich meist aufrichtiger als in Interviews: "Ich bin ein kleiner Drache, der als St. Georg auftritt", lässt er Meßmer sagen. Als Drachentöter mit gespaltener Persönlichkeit, bisweilen als Hl. Sebastian übt natürlich auch der Großschriftsteller Walser Macht aus.

Seinen Einstand bei Rowohlt begeht er mit einem doppelten Paukenschlag. Nur zwei Monate nach Der Augenblick der Liebe wird der Aufsatzband Die Verwaltung des Nichts erscheinen, in dem man aktuell Aufgearbeitetes vermuten kann. Aber auch der neue Roman, in dem das klassische Dreieck um Liebe und Betrug aufgestellt wird, schleppt außerliterarischen Ballast mit sich: Er wird wohl als eine Gegendarstellung zu Martina Zöllners Vorjahresdebüt Bleibtreu gelesen werden, in dem man - Fernsehredakteurin wird die Geliebte eines berühmten, verheirateten Philosophen - eine Walser-Affäre zu erkennen glaubte.

Walser freilich schreibt eine Figur fort, die er schon in den Achtzigerjahren (Das Schwanenhaus, Jagd) erfunden hat: Zürn, den Privatgelehrten und Immobilienhai a. D. am Bodensee, über sechzig inzwischen, verheiratet mit Anna, die nun das Geschäftliche besorgt; in einer aufreizend symbiotischen Ehe, die eine "Stimmung des Alleshintersichhabens" kultiviert: "Ihnen konnte nichts mehr passieren. Ihnen passierte auch nichts mehr. Ihm passierte nichts mehr."

Das wird natürlich durch den Gang der Ereignisse widerlegt. Beate Gutbrod taucht auf, vierzig Jahre jünger, Philosophie-Dissertantin aus North Carolina - und mit ihr die vierte Hauptperson: Julien Offray de La Mettrie (1709-1751), Arzt und Philosoph, Autor von L'homme machine, als Materialist und Atheist verfolgt und von Friedrich dem Großen beherbergt.

Über diesen La Mettrie will Beate ihre Doktorarbeit schreiben, über ihn hat Gottlieb vor Jahren zwei Essays publiziert. "Kommen aber gehen" heißt der erste Abschnitt des Romans: Beate kommt zur Jause, hinterlässt eine Sonnenblume als Bürgin ihrer brennenden Gegenwart und geht wieder. Gottlieb hat Feuer gefangen, sie auch, das "Zusammenfinden", so Teil zwei, erfolgt brieflich und "fernmündlich":

Perspektivwechsel

"Von allen behördlich gezeugten Wörtern das schönste." Es ist ein gegenseitiges Anfachen und Aufheizen aus der Ferne, nun aus ihrer Perspektive geschildert - dass Walser das kann, hat er zuletzt in Der Lebenslauf der Liebe (schon wieder die Liebe) bewiesen, der Geschichte der Susi Gern, die als Betrogene, als Witwe übrig bleibt.

Auch bei Beate funktioniert die Einfühlung mit einer gewissen Redseligkeit, die Handlung verebbt, verlegt sich ganz auf den Fernverkehr. Sie nimmt ihm übel, dass er schriftlich bremst und zurücknimmt, was er sich mündlich schon vergeben hat. Das "Auseinanderkommen" (III) beginnt, nun wieder aus seiner Sicht, mit der eigentlichen Begegnung: Beate hat Gottlieb mit einem La Mettrie-Kongress gelockt. Kaum ist der erste Rausch verflogen, will er nur heim zu seiner Anna.

Dann folgt Teil vier, die "Kehre", was Heideggerisch tönt: Obwohl sich daheim alles fügt, will er nun wieder weg, über den Ozean, zu ihr. Schließlich hat ihrer beider Schutzpatron La Mettrie die Trennung zwischen Körper und Seele für obsolet erklärt und das Glück jeder Kreatur für deren natürliche Bestimmung. Aber: es ist zu spät.

Martin Walsers Sprachverschönerungskunst macht aus der banalen Story eine aufregende Enthüllung, jedoch keinen Schlüssel- und keinen Schlüssellochroman: Dieser Autor kriecht förmlich in seine Figuren, leuchtet noch ihre verborgensten Winkel aus, empathisch und emphatisch, dreisprachig (englisch, französisch, deutsch) hingegeben an die Erklärungsmacht der Wörter.

Gottlieb weiß: Turpe senilis amor - wie hässlich die Liebe im Alter ist, zeigt Walser; nicht weil "es" nicht mehr funktionieren würde, sondern weil das eigene Bild in den Augen des anderen schreckt. Um Bilder, gegenseitige Erwartungen und die Realität geht es immer, wenn Walser über Sex schreibt, also um Erotik. Weil es zwei Intellektuelle sind, die sich da jenseits der Jahreszahlen finden und verlieren, geht es auch um Worterotik. Reden beim Sex ist eine diffizile Sache. Sie setzt "ihre Mündlichkeit" auch nonverbal ein: "Am liebsten hätte er, als sie ihn so bediente, gesagt: Sprich doch mit mir. Aber wenn er gesagt hätte: Sprich mit mir! Hätte sie sagen können: Mit vollem Mund spricht man nicht."

So komisch, so genau kann Walser sein. "Gottlieb hatte das Gefühl, er sei begeistert", heißt es nach dem ersten Wortwechsel mit Beate. Nicht: "Gottlieb war begeistert."

Schuldgefühle

Der Augenblick der Liebe ist aber auch überschattet von der berüchtigten Walserschen Paulskirchen-Rede (1998) über den inflationären Einsatz von Auschwitz. Gottlieb Zürns in voller Länge wiedergegebener La Mettrie-Aufsatz, der verflixt nach Martin Walser klingt, führt beim Kongress zu einem Eklat: Was Gottlieb in seinem Ausbruchsversuch aus dem "Käfig" Biografie als subjektives Problem erörtert - La Mettries Kritik des Gewissens - wird ihm vom kalifornischen Auditorium als Trick ausgelegt, um das deutsche Schuldgefühl loszuwerden. Gottlieb gesteht, er habe nicht bedacht, dass in Deutscher im Ausland "immer zuerst ein Deutscher ist und erst dann ein Mensch". Wer je vor US-Germanisten über Holocaust-Literatur geredet hat, kann solche Wehleidigkeit immerhin nachvollziehen. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.7.2004)

Von
Daniela Strigl

Martin Walser: Der Augenblick der Liebe. Roman. 254 Seiten. Rowohlt. 27,90 Euro
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    Seinen Einstand bei Rowohlt begeht Martin Walser mit einem doppelten Pauken- schlag. Nur zwei Monate nach "Der Augenblick der Liebe" wird der Aufsatzband "Die Verwaltung des Nichts" erscheinen.

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