Musikrundschau: Songwriter und Freunderlwirtschaft

27. Juli 2004, 20:39
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Neue CDs von David Poe, Ben Weaver, Iron & Wine, Pete Murray und Los Lobos

DAVID POE: Love Is Red (Uftone/Edel) Mit vor Kummer schweren Lidern croont sich der New Yorker David Poe durch den Opener seines Albums Love Is Red: "You're the bomb, you're my Manhattan project." Was als blanker Exorzismus beginnt, öffnet sich im Verlauf der CD zwar nicht Richtung unbeschwerte Heiterkeit. Immerhin bleibt Poe formal nicht an existenziellem Keller-Blues hängen, sondern überwindet sich mit behutsamer Instrumentierung zu einem zarten Optimismus. Freunden männlicher Befindlichkeitsstudien am Rande des Abgrundes nahe gelegt.

BEN WEAVER: Stories Under Nails (Fargo/Edel) Optisch erinnert er ein wenig an Typen, die man sich in den US-Südstaaten mit der Krache auf der Veranda sitzend vorstellt: Bierdosen vor der Fliegentüre und einen rostigen Pick-Up unter einem Holzverschlag. Am Schild vor dem Haus steht: "Never mind the dog. Beware of the owner!" So. Doch der "fiese Redneck" Ben Weaver entpuppt sich auf seinem warm instrumentierten Album Stories Under Nails als Sympathieträger, der sich zu einer weinseligen Orgel, einem leger getrommelten Schlagzeug zwar raunzig gibt, unter seinem karierten Flanellhemd jedoch ein Herz voller Liebe schlagen hat. Meistens. Herausfordern möchte man den "owner" dann doch lieber nicht. Wer Steve Earle sagt, sollte auch Ben Weaver zusprechen. White Trash mit Herz.

IRON & WINE: Our Endless Numbered Days (Sub Pop/Trost) Ein Kind überströmender Lebensfreude ist der Vollbartträger Sam Beams nicht direkt. Als Iron & Wine frönt er amerikanischer Folklore, wie man sie von Will Oldham und seinen diversen Bandunternehmen kennt: fein ziselierte Songs, deren filigrane und intime Schönheit sich auf Albumlänge als optimaler Trostspender für verregnete Sommertage entpuppt. Zart und dennoch nicht zerbrechlich. Davor schützen kleine aber bestimmte Rhythmusänderung Song und Sänger. Abseits der jetzt wieder Furore machenden neuen Generation lärmiger Sub-Pop-Bands ist Our Endless Numbered Days die möglicherweise interessanteste Alternative - wenn man die notwendige Zeit aufbringt. Iron & Wine ist nichts für zwischendurch.

PETE MURRAY: Feeler (Sony) Der australische Songwriter Pete Murray macht dort weiter, wo einzelne Mitglieder der dahingegangenen Beasts Of Bourbon auf ihren Solowerken aufgehört haben: egozentrisches Männerliedgut, das hier jedoch nicht in trostlose Selbstzerstörung mündet, sondern bei aller ausgestellten Schmolllippigkeit "Ja" zum Leben sagt. Die Ergebnisse sind gepflegte Songs auf Basis von Keyboards, Akustikgitarre und Murrays Gesang, die ihr Fortkommen mit im Midtempo angesiedelten Moll-Stücken am ehesten gesichert sehen. Souveränes Handwerk, nicht konkurrenzlos, aber charmant.

LOS LOBOS: The Ride (Warner) Die Qualitätsgaranten in Sachen Rootsrock mit Mehrwert aus East L. A. frönen auf The Ride der Freunderlwirtschaft. Die rundlichen Wölfe interpretieren mit Künstlern wie Dave Alvin, Mavis Staples, Tom Waits oder Elvis Costello neue und alte Lobos-Songs. Der Höhepunkt: ein Medley aus Wicked Rain und dem Blaxploitation-Klassiker Across 110th Street, dem die Originalstimme dieses Funk-Kleschers seine Stimme leiht: Mr. Bobby Womack! (flu/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23. 7. 2004)

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