Out of St. Pölten

22. Juli 2004, 19:37
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Teil 32 von Ilse Aichingers Artikelserie "Schattenspiele"

Schattenspiele - die an einem ziemlich glühenden 20. Juli, dem nicht mehr ganz aktuellen sechzigsten Jahrestag des missglückten Stauffenberg-Attentats, fast ebenso schwer vorstellbar sind wie ein geglücktes Attentat oder wie "ein vergnügter Dienstag", den einmal ein ungewöhnlich schüchterner, fast ratloser Arzt in einer Rosenheimer Klinik seinen Patienten, die aus entgegengesetzten Gründen in Rosenheim gelandet waren, wünschte.

Es gab einen Film, "Out of Rosenheim", den man zu seiner Zeit gesehen haben musste. Ich sah ihn nicht, und ich kam nie wieder nach Rosenheim. "Out of" genügte von da ab als Ziel. Es war leicht erreichbar, aber es war schwer zu präzisieren. Wie gelingt es, rasch und unauffällig zugleich hoffnungsvollen und aussichtslosen Zuständen zu entkommen?

Wie soll es "Priesterschülern" in St. Pölten, Hollabrunn oder sonst wo gelingen, einer Vokabel zu entgehen, die sie desavouiert? Ob mit Recht oder nicht, wäre Cioran verhältnismäßig gleichgültig. Eine seiner Schriften heißt "Gevierteilt". Wie verhält man sich als Gevierteilter danach, davor oder mitten darin? Wie wird man mit der Definition Priesterschüler fertig oder kommt mit ihr ins Reine, in das man doch wollte?

Unlängst, kurz in Hollabrunn, sah ich das Seminar, das eben wieder renoviert wurde, man konnte die neuen, noch nicht fertig gestrichenen Teile bewundern, die sich selbst krankhaft, fast panisch ähnlich sehen. "Jeder Gedanke entspricht einer durchkreuzten Empfindung", bemerkt E. M. Cioran. Damit wäre über Affären mit mehr oder weniger geglückter Kinderpornografie und der Manie, sie zu archivieren, schon genug gesagt.

Cioran fragt einen Bauern, der einen Leichenzug in einem Dorf in der Normandie von weitem betrachtet, nach Einzelheiten. Und er erfährt: "Er war noch jung, kaum sechzig, man hat ihn tot im Feld gefunden. So ist es, so ist es."

So wird auch die Geografie von ihrer Wahllosigkeit befreit. St. Pölten, Hollabrunn und die stürmischen Ränder der Landschaft Flauberts werden kurz in einem Atem genannt. Und der Verdacht, kinderpornografisches Material heruntergeladen und gespeichert zu haben, macht den nächsten Versuch, Luft zu holen, auch nicht so einfach, wie es den alten und den neuen Kirchenlehrern recht wäre. "Ob und wie die Kirche das eigene Haus in Ordnung hält?"

Besser zurück zu Stauffenberg, zurück zum 19. Juli und einigen Daten davor, damals und heute zu den unauffälligeren Daten, die den Ausschlag geben. Und auch zurück zum "Dossier St. Pölten" oder nach Hollabrunn, zu den Knabenseminaren, die noch unzumutbarer sind als missglückte Attentate, Augenblicke und um ein Haar verfehlte Orte. In welchen Landesteilen, abseitig oder nicht, und zu welchen Augenblicken misslingt, was sich gewohnheitsgemäß durch das eigene Glück zu definieren versucht? "Ihr Business läuft, weil alles läuft", steht schräg links unter dem Foto von Kurt Krenn und dem erstarrten hölzernen Gekreuzigten über seiner rechten Schulter. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.7.2004)

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