Mannesmann, ein Sittenbild

8. September 2004, 14:07
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Unvorstellbare Summen als Lohn für eine verlorene Schlacht - Eine verheerende Entwicklung für das Seelenleben des wirtschaftlich schwer angeschlagenen Deutschland

Der Mannesmann-Prozess ist ein Sittenbild der kapitalistischen Exzesse des New-Economy-Hype der späten Neunzigerjahre und ihrer Aufarbeitung. Im Frühjahr 2000, auf dem Höhepunkt einer Fusionswelle und der Börsenblase, übernahm nach einer sagenhaften Übernahmeschlacht der britische Mobilfunker Vodafone den deutschen Mischkonzern und D2-Handynetzbetreiber Mannesmann um rund 180 Mrd. Euro.

Diese Niederlage des gegen den feindlichen Freier erfolglosen Mannesmann-Managements war dem Aufsichtsrat 57 Millionen Euro wert - so viel genehmigten in trauter sozialpartnerschaftlicher Einheit der Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und der IG-Metall-Chef Klaus Zwickel und Konsorten dem Management an zusätzlichen Abfertigungen.

Belohnung für die verlorene Schlacht

Esser und Co. wurden für die verlorene Schlacht belohnt; manche deuteten dies als Lohn dafür, dass das Management in letzter Minute den Weg für die Übernahme freimachte. Eine Sekretärin formulierte es im Verlauf des langen Prozesses in einfachen Worten: Der Esser war der Verlierer, warum kriegt er dann das Geld? Letztlich ging es in dem Prozess, dem von Anfang an wenig Aussichten auf Erfolg eingeräumt wurden und der den Steuerzahler weitere Millionen kostet, um diese zentrale Frage: Wer kriegt wofür wie viel Geld, und ab welcher Summe ist dies rechtlich und moralisch nicht mehr vertretbar?

Esser, der mit einem 15-Millionen-Handshake (zusätzlich zu Millionengagen und "normaler" Millionenabfertigung) getröstet wurde, steht in einer Reihe mit anderen Nehmern der Ära, wie dem früheren Vivendi-Chef Jean-Marie Messier oder dem Exchef der Deutschen Telekom Ron Sommer, allesamt Stars ihrer Tage, deren Hybris ihre Unternehmen an den Rande des Abgrunds brachte und die mit unvorstellbaren Summen hinauskomplementiert wurden.

Ackermann: "Würde es wieder so machen"

Unter dem Hinweis auf die USA, wo solche Exzesse meist noch um den Faktor zehn oder mehr gesteigert sind, werden solche Zahlungen stets als gerechtfertigt verteidigt. Josef Ackermann, dem es bei einer Jahresgage von 7,7 Millionen Euro vermutlich leicht fällt, anderen Millionenprämien zuzugestehen, würde es "wieder so machen", erklärte er ohne Zögern nach dem Freispruch. Schon früher gab er zu Protokoll, dass "Deutschland das einzige Land ist, wo die, die erfolgreich Werte schaffen, deswegen vor Gericht stehen". - Welche Werte? Etwa die Mannesmann-Übernahme, für die sich jetzt Vodafone 50 Milliarden Euro vom deutschen Fiskus in Form von Steuerabschreibungen zurückholen will, weil die Firma überbewertet war? Der Mannesmann-Prozess belegte anschaulich, dass die Gagen in den obersten Etagen völlig aus dem Ruder gelaufen sind und es keinen Rest an Bodenhaftung und Augenmaß mehr gibt. Strafrechtlich ist es irrelevant, dass die Skala der Unmäßigkeit nach oben offen ist.

Aber für das Seelenleben des wirtschaftlich schwer angeschlagenen Deutschland ist diese Entwicklung verheerend. Um die Größenordnung wieder herzustellen, die diesen Eliten offenbar verloren gingen: 57 Millionen Euro an - zusätzlichen - Abfertigungen für eine Hand voll Manager nährt nach der jüngsten Reform des deutschen Arbeitslosengeldes rund 10.000 Sozialhilfeempfänger ein Jahr lang.

Rezept zum Niedergang

In diesem System scheint jede Form des sozialen Grundvertrags verloren gegangen zu sein: Einerseits gigantomanische Selbstbelohnungen für eine kleine Schicht, die nur sich selbst verpflichtet ist, und ein wachsendes Heer von Menschen in Arbeitslosigkeit andererseits - das ist ein Rezept zum Niedergang. Ohne neuen Ausgleich zwischen diesen beiden Seiten wird es keine Rückkehr zu Wachstum und Wohlstand geben.

Die derzeit in Deutschland laufende Arbeitszeitdebatte mag ein Hinweis darauf sein, dass man sich in den vergangenen Jahrzehnten einen zu großen Vorschuss auf künftigen Wohlstand in Form von weniger Arbeit genommen hat. Der Mannesmann-Prozess zeigt, dass das Problem an der Spitze der Pyramide beginnt. (Helmut Spudich, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.7.2004)

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