Blair denkt an Militäraktion im Sudan

23. Juli 2004, 11:42
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Britischer Premier lässt mehrere Szenarien für einen Einsatz ausarbeiten

Stehen britische Truppen vor ihrem nächsten Auslandseinsatz im Sudan? "An diesem Punkt sind wir noch nicht", sagte Premier Tony Blair am Donnerstag vor der Presse in London. Er wolle jedoch nichts ausschließen.

Nach einem Bericht des Guardian hat Blair sowohl seine Berater in der Downing Street als auch das Außenministerium beauftragt, Pläne für eine Militäraktion auszuarbeiten: Erstens könnten englische Soldaten Hilfsgüter verteilen, falls die humanitären Organisationen mit dieser Aufgabe überfordert sind. Die Royal Air Force würde eine Luftbrücke einrichten.

Zweitens könnte Großbritannien eine Beobachtermission der Afrikanischen Union (AU) bei deren bevorstehendem Einsatz unterstützen. Der AU fehlt es an Ausrüstung, vor allem an Hubschraubern, die angesichts des miserablen Straßennetzes in Darfour enorm wichtig sind.

Drittens wäre es möglich, dass Truppen des Königreichs die Menschen in den Flüchtlingslagern vor plündernden Milizen schützen.

Solche sicheren Häfen für die Vertriebenen zu schaffen ist aus Londoner Sicht die riskanteste Option. Erst muss die sudanesische Regierung grünes Licht geben, was sie wahrscheinlich nur zögerlich tut. Die Vereinten Nationen drängen Khartum schon seit Wochen, gegen die Angriffe arabischer Janjaweed-Milizen auf Schwarzafrikaner einzuschreiten. Anfang Juli sagte der Sudan zu, die marodierenden Reitermilizen zu entwaffnen – ein Versprechen, an dessen Einlösung viele zweifeln.

Blair seinerseits skizzierte jetzt einen Fahrplan, bei dem militärischer Druck des Westens ein Einlenken erzwingen soll. Als Nächstes müsse Khartum garantieren, dass Hilfskonvois die hungernden Flüchtlinge ungehindert erreichen, müsse es die Milizen unter Kontrolle nehmen, forderte er am Donnerstag. Falls dies nicht geschehe, schließe er ein militärisches Eingreifen nicht aus. Der Westen stehe in der moralischen Pflicht, müsse aber zugleich eng mit der Afrikanischen Union zusammenarbeiten: "Die ist das regionale Gremium, und wir brauchen die Unterstützung der Region."

Blair selbst hatte bereits vor drei Jahren eine Doktrin formuliert, wonach sein Land moralisch verpflichtet sei, überall dort zu intervenieren, wo eine Wiederholung der Massaker 1994 in Ruanda drohe. Nach dem umstrittenen Irakkrieg gäbe ihm eine Militäraktion im Sudan die Gelegenheit, sich wieder als Leitfigur humanitärer Interventionen zu profilieren – so wie im Kosovo-Konflikt von 1999. Damals drängte der Brite energischer als jeder andere Staatsmann darauf, Bodentruppen auf den Balkan zu entsenden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 23.7.2004)

Frank Herrmann aus London
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