Der feine Unterschied und seine Folgen

23. Juli 2004, 11:17
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Das Auseinanderdefinieren von Antisemitismus und Israelkritik ist auf einer theoretischen Ebene wichtig, auf praktischer tritt es in den Hintergrund - Kommentar der anderen von Tobias Kaufmann

Jetzt sind wir alle beruhigt. Marie Leonie, die Frau aus der Pariser Regionalbahn, angebliches Opfer eines antisemitischen Überfalls, hat sich als Spinnerin herausgestellt. Das beweist mal wieder, wie unbegründet die derzeitige Antisemitismus-Hysterie ist. Die wahre Gefahr, die wir abzuwehren haben, ist Ariel Sharon, der kritischen Judenfreunden mit der Antisemitismuskeule droht, damit seine Regierung weiter aus Vergnügen in palästinensischen Gebieten Kinder ermorden kann.

Nicht nur inhaltlich ähnlich, sondern auch in dieser Schärfe haben europäische Politiker und Journalisten den Vorfall von Paris abgehakt und sich wieder der tagelang vernachlässigten Israelkritik zugewandt. So hat's schließlich auch Uri Avnery in dieser Zeitung gefordert – und wenn das schon ein Israeli sagt (auch, wenn es immer nur dieser eine ist), dann wird's ja wohl stimmen. Also doch kein steigender Antisemitismus, höchstens ein paar Schmierereien auf jüdischen Gräbern und ein bisschen Keilerei zwischen aus Nordafrika stammenden Jugendlichen, die sich von selbst erledigen würde, wenn Israel sich endlich wieder gut benimmt.

Schön, wenn es so wäre. Man fragt sich nur: Warum wird ein erfundener Vorfall unterschwellig Sharon und israelfreundlichen Juden in der Diaspora vorgeworfen, wo doch niemand der (Nicht-)‑ Beteiligten jüdisch war? Warum ist es statistisch gesehen für einen Juden in Paris etwa zehnmal wahrscheinlicher, angegriffen zu werden, als für einen Nichtjuden?

Warum empfiehlt ein gläubiger Jude wie Frankreichs Oberrabbiner Joseph Sitruk, in bestimmten Vierteln lieber eine Baseballmütze zu tragen, statt der unverkennbar jüdischen Kippa – wenn doch so feinsäuberlich unterschieden wird, zwischen Juden im allgemeinen und Israelis im speziellen? Warum haben sich angeblich bereits tausende französische Juden für die israelische Auswanderungswerbung interessiert – wenn sie sich doch in ihrer Heimat so sicher fühlen?

Und warum musste der Artikel von Uri Avnery in der Online-Ausgabe des STANDARD mit dem Hinweis veröffentlicht werden, "Aufgrund der großen Anzahl an antisemitischen Postings sieht sich derStandard.at/Politik gezwungen, zu diesem Artikel ausnahmsweise keine Postings zuzulassen" – wenn wir es doch nur mit ein bisschen Israelkritik zu tun haben?

Strittige Definition

Anders, als kolportiert wird, hat kein ernstzunehmender Mensch je behauptet, jede Kritik an Israel sei antisemitisch, auch Ariel Sharon nicht. Das feinsäuberliche Auseinanderdefinieren von Antisemitismus, Antizionismus, Kritik an Israel, an Sharon, das Avnery und viele andere so liebevoll zelebrieren, ist intellektuell- theoretisch nachvollziehbar. Es ist auch wichtig, damit Antisemitismus wirkungsvoll begegnet werden kann.

Problematisch und strittig ist jedoch die Definition, wo Antisemitismus beginnt und politische Israelkritik aufhört. Praktisch macht zudem die strikte Trennung von "klassischem" europäisch-christlichem sowie rassistischem Antisemitismus und dem "modernen", moralisch verbrämten und politisch begründeten Antisemitismus für viele Juden und für Israels Regierung keinen Sinn, anders als für die europäische Politik, die beim Thema Judenfeindlichkeit noch immer in den alten Kategorien von rechts und links verhaftet ist.

Die Pauschalisierung durch die Betroffenen ist in diesem Fall durchaus treffender. Diejenigen muslimischen Jugendlichen, die in Europa jüdische Schulen niederbrennen und Juden tätlich angreifen, unterscheiden nämlich nicht zwischen Juden und Israelis. Sie greifen die an, die sie kriegen können. Die arabische Propaganda im Nahostkonflikt unterscheidet nicht zwischen Juden und Israelis. Der Terror unterscheidet nicht zwischen Zionisten und Antizionisten, zwischen Sharon-Freunden und Sharon- Kritikern – Bus fahren sie alle.

Der Unterschied zwischen einem rechtsradikalen Israelhasser und einem linken Palästinafreund, der findet, Juden hätten kein Recht auf einen eigenen Staat, ist allenfalls akademisch. Gerade in Frankreich wird kritisiert, dass sich jüdische Organisationen nicht eindeutig von Sharons Politik distanzieren. Müssen sie das? Ist demnach der Angriff auf einen Juden, der Sharons Politik gutheißt, lediglich der politischen Aktualität geschuldet, während eine Grabschändung oder gar ein Angriff auf Uri Avnery "klassisch" antisemitisch und damit zu verurteilen ist?

Für die Adressaten läuft alles auf dasselbe Ergebnis hinaus: Judenhass. Daran ändert sich auch nichts, wenn Europa das eine flugs in "Integrationsprobleme maghrebinischer Einwandererkinder" und das andere in Antizionismus umbenennt. Judenhass muss nicht erst Auschwitz- Ausmaße annehmen, um Judenhass zu sein. Mit Israel begründeten Hass auf Juden gibt es nicht erst seit Sharon, sondern seit es Israel gibt. Dieser Staat realisiert in der Praxis das kollektive Recht des jüdischen Volkes auf Selbstbestimmung – egal, wie viele Juden keine Israelis sind.

Überempfindlich

Es gibt keine Taktik der Sharon-Regierung, jede Israel-Kritik als antisemitisch zu verunglimpfen. Aber es gibt eine Überempfindlichkeit, die kaum überraschen dürfte, solange statistisch nachweisbar ist, dass der jüdische Staat von der UN mit Billigung Europas nachweislich anders, genau: schlechter, behandelt und beurteilt wird als alle anderen Staaten. Wenn allen der Kampf gegen Judenhass so wichtig ist – warum sind dann seit 1965 sämtliche Versuche gescheitert, die UN zu einer Resolution zu bewegen, die sich ausschließlich gegen Antisemitismus wendet?

Ja, es wäre Blödsinn, zu behaupten, Europa sei heute ein zutiefst antisemitischer Kontinent. Die Hoffnung aber, nach Auschwitz sei Judenhass hier nicht mehr möglich oder zumindest pädagogisch beherrschbar, hat sich nicht erfüllt. Judenhass wird von einem relevanten Teil der Bevölkerung goutiert, er wird in einigen Medien fahrlässig oder absichtlich gefördert – etwa, wenn eine Karikatur aus dem "Guardian" preisgekrönt wird, in der ein nackter Sharon palästinensischen Kindern den Kopf abbeißt.

Ausgerechnet auch ein Teil jener Einwanderer, die wir vor Rassismus, Vorurteilen und Gewalt schützen wollten, setzt seinen Judenhass praktisch um. In dieser Woche berichtete die Leiterin des Berlin-Büros des American Jewish Committees, Deidre Berger, die Zahl der antisemitischen Delikte habe in Deutschland wie in anderen europäischen Ländern in den letzten Jahren deutlich zugenommen, ungeachtet der gestiegenen Entschlossenheit vieler Regierungen gegen Antisemitismus.

Diese bittere Realität verschwindet nicht, indem man sie mit semantischen Tricks umbenennt – so wie die Arbeitslosigkeit nicht verschwindet, weil man die Statistik geschönt hat. Bevor sich die Geschichte als erfunden herausstellte, waren viele Menschen wütend und entsetzt darüber, dass eine jungen Frau in einem Pariser Zug Opfer eines antisemitischen Überfalls werden kann, den zwanzig Fahrgäste nicht verhindern. Überrascht waren die wenigsten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 23.7.2004)

Eine Replik auf den Kommentar von Uri Avnery - Die Gespenster der Marie Leonie (DER STANDARD, 21. 7.) Tobias Kaufmann ist Redakteur der "Jüdischen Allgemeinen Wochenzeitung" in Berlin und Buchautor.
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